Wer folgt den Social Media Narren?

Es gibt Experten. Und es gibt “Experten”. Der Unterschied ist gravierend. Wer dem einen vertraut gewinnt, wer sich auf den anderen verlässt, ist verlassen.

"Daß Narrenschyff ad Narragoniam" von Sebastian Brant (Lizenz: public domain)

Der Experte:
Reich an Erfahrung. An praktischer Erfahrung. Er kann das was er tut  nicht nur meisterlich, sondern er erklärt es auch in Worten, die der Laie versteht und reicher an Wissen, zur Kenntnis nimmt.

Ein Beispiel ist mein (beinahe) Schwiegervater. Man sieht das Leben in seinem Gesicht und die Freude am Leben in seinem Handeln. Man sieht und schmeckt sein praktisches Wissen, wenn er kocht oder wenn er im Garten werkelt. Er teilt seine Erfahrung und sein praktisches Wissen. Und man kann dies auch noch in vielen anderen Bereichen erleben.

Der “Experte”:
Reich an Worten, an wohlklingenden Formulierungen, kann er beim Vortrag dessen, was er aus seiner Glaskugel herausgelesen hat, meisterlich Vorhersagen treffen und absolute Sicherheit vermitteln.  Falsch-Vorhersagen liegen nicht an seinem fehlenden Wissen/Verständnis, sondern liegen in externen Ursachen, die nicht kalkulierbar oder denkbar waren, begründet.

Ein Beispiel sind Börsenwahrsager, Unternehmensplaner, (viele sogenannte) Social Media Experten und sonstige Gurus.

Die wenigsten Menschen, die ich bislang getroffen habe, sind sich der Zufälligkeit ihrer Vorhersagen bewusst. Oder gar der Größe ihres Nichtwissens. Diejenigen, die es sind und dennoch Vorhersagen treffen, sind Lügner. Und die meisten Unternehmensführer sehnen sich danach belogen zu werden. Und/Oder sich selbst zu belügen. Liegt doch der Erfolg des Unternehmens in ihrem Handeln begründet, Misserfolg jedoch in externen Ursachen.

Ich nehme mich nicht aus. Auch ich musste schon des öfters lügen. Musste völlig fiktive Zahlen präsentieren, als ambitionierte, doch erreichbare Ziel-Erwartungen. Oder Begründungen finden für zufällige Ereignisse, Fans, Follower, Klickraten oder Zugriffszahlen, die in den Keller oder durch die Decke gehen und für die es oft keine faktische Erklärung gibt.

Ja, es gibt Vermutungen, doch man will keine Vermutungen. Man will Begründungen. Denn Begründungen führen zur Wiederholbarkeit und Wiederholbarkeit von Erfolgen wird erwartet.

Applikation 1 hatte Erfolg X. Also kopieren wir Applikation 1 und erreichen wieder Erfolg X.

Narren! Narren, die auf geborgtem Glücks-Sand gehen und ihn sich in die Augen streuen, bis der Sand zu Treibsand wird. Je mehr ich in Blogs zum Thema “Social Media” und “Social Media Marketing” lese, desto mehr erhärtet sich mein Eindruck, dass ein großer Teil der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen, dem Experten-Fehler zum Opfer fallen.

Der blinde Fleck scheint zuzuschlagen und Projektionen in die Zukunft basieren nur auf dem aktuellen Stand. Ein Fortschreiben von Entwicklungstendenzen der Vergangenheit wird zum Gradmesser zukünftiger Erwartungen. Das Dreikörperproblem wird nicht gesehen.

Oder mein Lieblingsbeispiel:

Wie genau kann ich die Position einer Billiardkugel auf dem Tisch vorhersagen? Wenn man den die Position einer angestoßenen Billardkugel nach dem neunten Banden-Kontakt berechnen will, muss die Schwerkraft, die eine am Tisch stehende 75kg schwere Person ausübt einberechnet werden.

Um theoretisch die Position nach 56 Kontakten zu berechnen müsste man alle Elementarteilchen des Universums mit in die Kalkulation einbeziehen. Soviel zur Vorhersagbarkeit bei unbelebten Körpern.

An belebte Körper, Gesellschaften, Menschen, die dem freien Willen unterliegen, wird hierbei gar nicht gedacht.

Also: Wie viele Follower habe ich morgen bei Twitter? Wie viele Mitglieder hat Facebook in einem Jahr? Und wie erfolgreich ist die nächste Social Media Kampagne?

Erfahrung und gesunder Menschenverstand kann einen relativ weit bringen, wenn es um Planung geht. Doch sollte man eigentlich immer davon Abstand nehmen, Pläne zu erarbeiten, die zu weit in die Zukunft reichen. Lieber kurz(fristig) planen um flexibel zu bleiben und reagieren zu können.

Eine 12-Meter Yacht kann eine Gefahrenhalse fahren – ein 400-Meter-Tanker nicht mehr.

ps.: Folge mir bei Twitter und ich hab zumindest einen Follower mehr. ;-)

1 Kommentar

  • Ein Thema, das mich fast zum Aufgeben meines Jobs bringen könnte… denn in der “Wirtschaftskrise” scheint es noch gefragter, einfache Antworten hören zu wollen. BeraterInnen, die abwägen, vielleicht sogar von etwas abraten (z. B. “Sie brauchen im Moment keine Facebook Fanpage”), sind selten gefragt. Marktschreierei und WahrsagerInnen haben mal wieder Hochkonjunktur. Und schnell muss es natürlich auch gehen! Danke für den Beitrag, hat mich sehr amüsiert.

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