Gesellschaft, Social Media
2 CommentsSocial Media: Ponyhof der Eitelkeiten
Um es direkt zu sagen. Soziale Netzwerke sind ein Ponyhof. Streicheleinheiten für das eigene Ego, nette kleine Bloghäppchen, leicht verdaulich und nur ja keine Kritik. Social Media langweilt mich mehr und mehr.

Ab und an fühle ich mich in den meisten sozialen Netzwerken wie im Ponyhof. Alles brav, brav, nur ja keine wahre Kritik. Vor allem nicht gegen den Strom schwimmen. (Bild: dreamcicle19772006 / Lizenz: cc-by)
Der Ponyhof der Eitelkeiten
Ich erinnere mich an meine Jugend. Da gab es diese seltsamen Wesen, oft mit rosa Federmappen, kleinen Poesiealben und Pferdeheftchen in ihren Taschen. Am Nachmittag nahmen sie ihre Fahrräder und fuhren zum nächsten Reitstall, um sich in der heilen Welt von Hanni und Nanni zu vergnügen.
Heute lebt die ganze Welt in dieser Ponyhof-Fantasie. Sie heißt Facebook, Twitter oder studiVZ. Solange alle auf den gleichen Zug aufspringen, ein bisschen gemütlich Belanglosigkeiten austauschen, oder das neuste Katzenvideo teilen, so lang ist die Welt der sozialen Netze in Ordnung.
Nur sollte man gegen die Regierung, für Netzneutralität oder wahlweise auch für den kostenlosen Zugang zu Musik sein. Sonst hat man es schwer in dieser rosaroten Traumwelt.
Atheismus? Kritik am System der Netzwerker? Direkte Kritik in Blogkommentaren. Das sollte man lieber lassen. Sonst kann man sich gleich den *****stern an die Brust heften und sich als “Social Media”-Leprakranken brandmarken.
Dabei könnte es ganz anders sein:
“See, wouldn’t the social web be MUCH more interesting if we blogged like North Koreans?” (Quelle: You too can blog like North Korea)
Kritiklosigkeit ist (k)eine Tugend
Brot und Spiele. Mit dieser Taktik haben schon die alten Römer das Volk vor allzu viel kritischem Denken bewahrt. “Unser täglich Facebook gib uns heute”, könnte es frei nach einem Gebet heute heißen. Alles OK, solange die bunte Glitzerwelt am Morgen auf einen wartet. Die Welt dreht sich weiter und ich muss nicht nachdenken. Alles was wichtig ist, wird mich ja schon erreichen in meiner Timeline.
Die sah (ungefiltert) heute Morgen so aus:
- Winterdienst (Wie überraschend!)
- Alfred Jodokus Quak (wenigstens nett)
- Ach du Scheiße, schon wieder Montag (Ach ne!)
- iRudolph
- Einmal “Alles” bei McDonald’s kostet derzeit € 133,99. (Wen interessiert der Drecks-Fraß?)
- Scheinbar endlich mal gutes Radio für Hamburg! (Ach – echt. Auch schon gehört?)
- Winter, Winter, Winter… (Der kommt aber auch immer so überraschend.)
- Koalitionsende in Hamburg (Uiii… eine Nachricht.)
- Wikileaks (Huch… gleich noch ne Nachricht – nur leider schon seit Tagen bekannt.)
- Shopping mit Magento (Tja, nutz ich leider nicht.)
- Seltsame PR Meldungen (Als wenn ich deswegen das Buch kaufen würde.)
- Leslie Nielson Videos (Ruhe in Frieden.)
- Videos (Mehr oder weniger mein Musikgeschmack.)
- Urlaubsfotos (Urlaub, wie schreibt man das?)
- Katzenkommentare (Ja, wir haben auch zwei tolle Kater – na und?)
Wo zum Geier ist die revolutionäre Kraft der Vernetzung? Wo sind die aufgeklärten, kritischen Bürger? Wo ist die Tiefe hinter der Oberflächlichkeit der “Ed Hardy”-Klamotten-Fraktion?
Wie steht es um Eure Timeline? Bei Twitter war es heute vor allem das Ende der Koalition und Wikileaks. Ich freu mich auf Kommentare und Reaktionen bei Twitter.
PS.: Ich mag die sozialen Netze – ich wünsche mir nur ab und zu ein wenig mehr Substanz.
PPS.: Es wurde ja auch schon schön ausgedrückt:
Hmmm. Ich verstehe zwar was Du meinst, kann es aber nicht nachvollziehen.
Auf Twitter folge ich nur relativ Wenigen – genau dein angesprochenes “Hab gerade einen Pups gelassen, wer möchte ihn riechen” ist für mich ein 100% Entfolgegrund. Mit ein wenig Konsequenz folgt daraus eine eigentlich passable Timeline.
Auf Facebook war ich schon in Diskussionen mit über 80 Kommentaren verstrickt – gerade dort geht das noch wesentlich intensiver als auf Twitter, da nicht nur auf 140char beschränkt.
Etwas provokativ ausgedrückt: Du bist, was Du liest
Gilt übrigens auch in der Offline-Welt.
Hallo Thomas,
ja, Dein Satz “Du bist, was Du liest.” Hat unbesehen etwas wahres. Ich blende bei Facebook derartige Postings konsequent aus, bei entsprechender Häufung auch die Personen. Bei Twitter entfolge ich regelmäßig.
Ich nutze selbst einige Werkzeuge um relevantere Meldungen zu sehen.
Und doch lässt sich ein wenig winterliche Resignation nicht leugnen, wenn ich mich an Diskussionen erinnere, die ich unter Blogs geführt habe, in die ich in Foren verstrickt war und die existierten, bevor diese bunte Glitzerwelt das Lable “Social Media” erhalten hat.
Nein, ich rede nicht der “guten alten Zeit” das Wort. Doch glaube ich, dass es eine Aufmerksamkeits-Ökonomie gibt, die man ähnlich dem Google-Algorithmus beschreiben könnte.
Je mehr Links auf einer Seite sind, desto weniger Link-Juice erhält der einzelne Link. Je mehr Diskussionen (und Menschen) wir zu folgen versuchen, desto mehr entwerten wir den einzelnen Kontakt.
Es sind “work in progress”-Gedanken, die ich hier zu artikulieren versuche. Bei denen ich auf eine Diskussion hoffe. Denn das Artikulieren meiner Gedanken ist immer ein Weg, sie zu ordnen und zu bewerten.
ps.: Vielen Dank und Glückwunsch. Deiner war mein 100ster Kommentar.