Nov 22, 2010 - Gesellschaft, Social Media    4 Comments

“Social Media”-Stigma und Twitter-Elite

Pssst. Wie hoch ist Dein Klout-Score? So niedrig? Na dann kann ich nicht mit Dir tweeten. Geschweige denn reden.

Flirten in einer Bar - erfahren wir künftig vor dem Ansprechen schon den "Klout" unseres Gegenübers? (Bild: MarkScottAustinTX, mbrubeck & Klout / Collage: sdoering / Lizenz: cc-by-sa)

Die Elite wird sichtbar

Manchmal fühle ich mich ja wie im Kindergarten. Oder wie auf dem Schulhof. Ich erinnere mich, damals gab es die sogenannte “In-Clique”. Ja, diese Menschen, die immer die tollsten Klamotten und die besten Gadgets hatten.

Dagegen konnte man als Otto-Normalmensch nur abstinken. Eigentlich auch ganz gut so. Denn in meiner kleinen Ecke fand ich Menschen, die mehr zu sagen hatten als eine Aufzählung trendiger Modemarken.

Ein Blogposting von Mark Schaefer hat mich dagegen heute in diese Zeit zurück geworfen. Die Zukunft sieht seit heute weniger rosig aus.

Bis zum Jahresende will Twitter in seinem neuen Analytics-Tool für jeden User einen Einfluss-Wert bestimmen und anzeigen. Schon heute tut dies der Service von “Klout“.

Es gibt die ersten Listen von Bloggern, bewertet und sortiert nach ihrem Klout-Score.

Die Fluglinie Virgin hat als Werbemaßnahme einflussreichen Twitterati Freiflüge auf einer neuen Route angeboten – in der berechtigten Hoffnung, so günstige Twitter- und Medienaufmerksamkeit zu erhalten.

Wo soll das hinführen?

Advertising Age berichtet, dass inzwischen die ersten Hotels ihre Gäste nach deren Einfluss bei Twitter behandeln. Viel Einfluss heißt besserer Service:

“Palm Hotels’ chief marketing officer, Jason Gastwirth, is currently building out ‘The Klout Klub,’ which ‘will allow high-ranking influencers to experience Palms’ impressive set of amenities in hopes that these influencers will want to communicate their positive experience to their followers.’ The Palms is already pulling in data from Klout and referring to it as part of their reservations process.” (Quelle: Advertising Age)

Suchen wir uns unser Following künftig nach dem Klout-Faktor aus? Werden wir in ein paar Jahren, wenn das soziale Netz und die Realität noch weiter verschmolzen sind, via Augmented Reality den “sozialen Einfluss” jedes Menschen sehen können?

Wird eine kleine Zahl über dem Kopf schweben und mir sagen, wie “bedeutend” die Person gegenüber ist? Und werden wir dann Dates nicht mehr nach dem Aussehen, sondern dem Klout-Score bewerten?

Werden Personalchefs nach dem Klout-Wert schauen? Wird der Einfluss-Wert bei Bewerbungen neben der Abschlussnote stehen?

Wird mir der Job im “Social Media”-Bereich oder in Marketing und PR versagt bleiben, weil ich zu wenig einflussreich bin?

Und wie werden alteingesessene Klout-Eliten reagieren, wenn ein Aufsteiger daher kommt? Wir es wie im spätmittelalterlichen Adel sein? Wird es eine “bürgerliche Revolution” geben? Oder den “Sturm auf die Twittille“?

Fazit: Dein Klout-Score ist mir zu niedrig. Verpiss Dich!

Nein, in solch einer Welt will ich nicht leben. Ich will Menschen nicht mit bedeutungslosen Ziffern versehen wissen. Abgestempelt als “Klout 47″ oder hochgejubelt als “Klout 99″.

Ich will kein Äquivalent zu Levis- und Wrangler-Fraktionen auf dem Schulhof. Weder in Twitter, noch in Facebook, noch beim nächsten Twocktail.

Denn wenn es soweit gekommen ist, dann wird es auch das Qype für Dates geben.

Nicht meine Welt. Vielleicht Eure?

Schreibt mir Eure Meinung. Werft sie in die Kommentare oder in 140 Zeichen auf Twitter.

4 Kommentare

  • Eine kleine Einordnung.

    Die logische Konsequenz des Messens ist das Ranking. Glaube nicht, dass man die Tendenz des Statistischen aufhalten kann. Das ‘Statistische Dispositiv’ bzw. das Verdaten der Welt wird von einer Phantasie der Kontrolle vorangetrieben. Wer kann sich hiervon frei machen? Die Kontrollierbarkeit des Selbst ist Kernimpuls jeder Pubertät – es ist anthropologisch so angelegt. Es bleibt also die Frage, ob wir uns nach der traumatischen Erfahrung der Unsicherheit – in Deiner Wortwahl: nach dem Schulhof – von diesem Heilsverspechen der Kontrollierbarkeit des Lebens wieder lösen.

    Eine weitere treibende Kraft hinter dem Messen sind natürlich die Planbarkeitswünsche wirtschaftlicher Akteure. Schaue Dir die Social Media Bemühungen der bereits etablierten Unternehmen an: Sie wollen meist nicht selber “sozial” werden, sondern hoffen auf erhöhte Zielgerichtetkeit ihrer Kommunikation, erhöhte Effektivität ihrer Publikums-Penetration und eine Zukunft, in der die gesamte Gesellschaft wie in einer neuen, komplexeren Kybernetik als System echtzeit verstanden wird und über Inputs gesteuert werden kann. Das ist die Wissenschaft, die wir betreiben, wenn wir uns Planbarkeits-Ansprüchen unterwerfen.

    Beide Bewegungen verstärken sich und wir schaffen durch unser Messen ein Wissen, das auf uns alle aktiv zurück wirkt: ein reflexives kontrollwissenschaftliches Wissen. Deinem normativen Ansatz des “ich-will-das-nicht” kann ich nur beipflichten. Ich wage jedoch zu bezweifeln, dass dies viele überhaupt denken können. In dieser Hinsicht gibt es vielleicht auch andere Zirkel und Eliten, die etwas Unmessbares bereithalten: nämlich Wissen!

    ‘Wissen’ ist nämlich per Definition in den Theorien zur Wissensgesellschaft nichts, was man als Fixes besitzen kann (auch wenn der populäre Gebrauch des Konzepts ‘Wissen’ hier leider sehr unscharf ist), sondern die performative Nutzung von Informationen, also eine Anwendung: Da hält keine Statistik keine Datenbank mit! (außer natürlich, die Welt ist ein kybernetisches System, für das Algorithmen zur Steuerung reichen bzw. wir alle glauben diesen Bullshit auch noch ;) Das wäre so Salvador-Allende-Kybernetisch-Nachkriegszeit-Technokratisch und Campanella-Sonnenstaat-Utopisch, dass die Postmoderne auf einmal ein Gesicht bekäme und zu lachen begänne: und zwar über uns!)

    Die Aktor-Netzwerk-Theorie geht z.B. davon aus, dass auch Objekte – man stelle sich z.B: Karten oder Handys vor – “handeln”. Dein Klout-Beispiel wäre eine verdatete, gerankte Kartographie in einem Objekt, das man mit sich herum trägt und bei dem Du mit Recht vermutest, es würde in Zukunft in unseren sozialen Netzwerken ‚aktiv’ werden. Es bleibt also auch die grundsätzliche Frage, wer in Zukunft noch handelt und ob wir Informationen (z.B. eine Klout-spezifische Messung) mit Wissen verwechseln. Die Echtzeit und wohlmöglich auch die augmented-reality-Umsetzung von Informationen reduzieren zumindest stetig das menschliche Handeln in Richtung Affekt und Automatismen. Das Messen selbst werden wir jedoch aus den oben erläuterten Gründen eines statistischen Dispositivs nicht aufhalten können.

    Hier noch ein Bild des kybernetischen Kontrollraums für die chilenische Volkswirtschaft, weil es so schön evident die kybernetische Steuerungsutopie bebildert:

    http://www.systemagazin.de/serendipity/uploads/cybersyn.jpg

    • Zur Frage des Besitzes von Wissen fällt mir immer wieder eine alte, afrikanische Legende ein:

      Vor langer, langer Zeit lebte eine schlaue Spinne namens Anansi. Die kam eines schönen Tages auf die Idee, weise zu sein, nicht bloß ein bisschen weise, nein sie wollte das weiseste Geschöpf, das es überhaupt gab, sein. Anansi selber wusste, wie wenig er doch im Grunde wusste, deshalb nahm er sich vor alle Weisheit der Welt zu sammeln. Er suchte sich eine besonders schöne Kalebasse heraus, damit er sein Wissen aufbewahren konnte und machte sich auf den Weg.Unterwegs befragte er jeden den so traf nach seinem Wissen. Manchmal musste er dafür bezahlen, aber meistens hatte er es sich ergaunert. Mit der Zeit bekam er das Wissen auch umsonst, da die meisten glaubten, dass eine Spinne mit einem solchen Schatz an gesammelten Wissen um einiges weiser als sie selbst wäre und sie empfanden eine große Hochachtung vor so viel Weisheit.

      So wanderte er lange Zeit umher, Monate und Jahre vergingen aber schließlich hatte er nach vielen Mühen die Weisheit der ganzen Welt in seiner Kalebasse. Stolz dachte er bei sich:” Ha, nun bin der Klügste von allen. Ich werde ein Versteck suchen, damit niemand mein Wissen finden kann und ich für den Rest der Zeiten das klügste Wesen bleiben werde.”

      Anansi suchte nach einem geeigneten Versteck und fand es im Wipfel des höchsten Baumes. Nur eine Spinne konnte so hoch klettern. Da fand Anansi, dass es das beste Versteck sei, dass er finden konnte. Er band sich von all der gesammelten Weisheit inzwischen sehr schwer gewordenen Kalebasse mit einem Tuch um den Bauch. Mit seinen acht Beinen erklomm er nach und nach den Baum. Aber was für eine Arbeit! Die Kalebasse war schwer und ihm ständig im Weg, er schaffte es bis zur Hälfte des Baumes, dann rutschte er immer wieder ab. Anansi fluchte leise vor sich hin.

      Da kam sein kleiner Sohn und beobachtete das seltsame Treiben seines Vaters. Der seinerseits war nun ganz und gar nicht entzückt, ertappt worden zu sein.

      Erstaunt fragte sein Sohn: “Warum bindest du dir die Kalebasse nicht einfach auf deinen Rücken, Vater? Dann ist sie dir nämlich nicht im Wege.”

      Anansi kratzte sich am Kopf und dachte angestrengt nach, schließlich befand er: “Wenn ich so drüber nachdenke, meine ich, dass es klappen könnte.”

      Anansi befolgte den Rat seines Sohnes und erreichte ohne Schwierigkeiten den höchsten Wipfel des Baumes. Aber als er oben war, bemerkte er, dass sein Sohn klüger gewesen war, als er.

      “Man kann die ganze Weisheit der Welt nicht in eine Kalebasse stecken!” heulte er und schüttete in einem großen Bogen den ganzen so mühsam gesammelten Inhalt über die Welt.

      So geschah es, dass sich das Wissen in der Welt verbreitete. Aber so hoch oben im Wipfel des Baumes fühlte Anansi was Weisheit bedeutete.

  • “Social Media”-Stigma und Twitter-Elite…

    Klout ermöglicht den Einfluss im sozialen Netz zu erkennen. Doch ergibt sich hier nicht eine Gefahr für die Zukunft?…

  • Ein Date nur nach dem Aussehen anzunehmen scheint mir auch nicht erstrebenswerter…
    Das ganze ist wohl als eine Grundsatztfrage der eigenen Werte zu sehen – oder eben ganz einfach PR. Dazu sollte man dann aber auch stehen…

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