Dez 21, 2010 - Gesellschaft, Social Media    7 Comments

Nett: Das neue Opium fürs Volk

Immer wieder die gleiche Diskussion: Eine tränenrührige Geschichte wird zum Anlass genommen einen Link immer und immer weiter zu verbreiten. Naiv sage ich. Aber die Geschichte ist doch so nett.

Hinterfragt man kritisch die "netten" Themen im Netz, kommt gern mal der Blogger-Mob zur Lynchjustiz vorbei. (Bild: Robert Couse-Baker / Lizenz: cc-by)

Bei “nett” schicken wir unser Hirn in Urlaub

Schon sehr, sehr lange gibt es in den VZ-Netzwerken eine gruppe Namens “Nett ist der kleine Bruder von Scheiße”. Und diese Gruppe drückt all das aus, was sich meiner Meinung nach hinter “nett” verbirgt. Denn eine nette Geschichte, ein bisschen Dramatik, rührselige Emotionen und ein heldenhafter Helfer – mehr braucht es nicht. Das sind die Zutaten für eine Geschichte mit Viralitäts-Potential. Zutaten für das Abschalten des Gehirns beim Leser (falls vorhanden).

Aktuelles Beispiel: Eine in Neuseeland gefundene Kamera (man beachte die Kommentare).

Die Links werden geteilt, getwittert und es wird dazu aufgerufen es dem Linkspammer gleich zu tun. Kettenbrief-Links für einen guten Zweck. Und manchmal ist der dahinterliegende Sinn auch jener gute Zweck.

Eine ähnliche Diskussion hatte ich heute bei Twitter. Es ging um die gelöschte Wikileaks-App im App-Store. Klar, angeblich sollten die Hälfte der Einnahmen gespendet werden. Gute Idee, oder?

Und wie viel wäre durch die andere Hälfte in die Taschen der Entwickler geflossen, die so mit kostenlosen Inhalten gut verdient hätten? Aber nein, so einen “netten”, guten Zweck darf der böse App-Store nicht löschen.

Sowas zeigt nur wieder, wie verdorben der Konzern mit dem Apfel-Logo wirklich ist. Ein Hort der Zensur. Da muss gleich die Blogger-Polizei kommen und Steve Jobs auf die Finger klopfen (oder eben Zensur rufen).

Kritiker werden gelyncht

Blicke ich beim verlinkten Beispiel in die Kommentare, dann erscheint vor meinem inneren Auge ein Bild: Das Bild eines Lynchmobs aus dem Mittelalter.

Wie kann man sich nur als hinstellen und den heiligen Glauben an “nett” hinterfragen. Ab auf den Scheiterhaufen mit dem Ketzer.

Ist eine Geschichte “nett”, so muss sie wahr sein. So handelt das Netz. Die Netzbewohner zeigen damit eine hohe Lernresistenz, dass es mich schaudern lässt. Die Zukunft des aufgeklärten “Homo Connectus” sieht düster aus.

Wenn wir im Netz wirklich so funktionieren, sehe ich nur eine Chance für mich: Ins Marketing gehen und “Nettes Marketing” zu betreiben. Es scheint ja zu funktionieren.

Kritische Fragen unerwünscht

Haben wir denn wirklich verlernt kritisch zu hinterfragen? Haben all die Lehrer Erfolg gehabt, die unsere Fragen mit Sätzen wie “Das ist halt so!” beantwortet haben? Haben unsere Politiker Erfolg, wenn sie daran glauben, dass wir am Wahltag nicht mehr wissen, was sie vier Jahre lang getan haben? Und haben uns all die Nigeria-Scams rein gar nichts lernen lassen?

Wir lassen uns von der netten, bunten Welt der sozialen Netze offensichtlich einhüllen. Einhüllen in einen wohlig warmen und weichen Kokon, der uns suggeriert, hier gäbe es nur Freunde. Und Freunde hinterfragt man nicht.

Meine Meinung über die Intelligenz der Masse wird im Netz von Tag zu Tag erneut (negativ) bestätigt. Mit jedem kritiklos und naiv geteilten Link begeht die Netzgemeinde in meinen Augen Glaubwürdigkeits-Selbstmord.

Was meint Ihr? Sehe ich hier zu schwarz? Bin ich auf dem falschen Gleis? Diskutiert mit mir in den Kommentaren. Oder auf Twitter.

7 Kommentare

  • “Nett” auf jeden Fall, wie auch etwaige Blogger solche Aktionen zu ihrem eigenen Nutzen auslegen können, um noch ein paar extra-Klicks zu kassieren.
    Wenn man sich schon mit “Netzkultur” beschäftigt, sollte einem doch zumindest dieser eine Spruch bekannt sein:
    “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.”
    Insofern: Wenn man kein Hintergrundwissen über diesen aktuellen Fall hat, welches hier allerdings offen auf der Straße liegt, sollte man seine unqualifizierte Meinung für sich behalten. Der Poster dieses speziellen Bildes ist durchaus eine echte Person, mit der man reden kann.
    Kritische Fragen sind natürlich durchaus erwünscht, aber einfach nur dumme Fragen stellen reicht doch nicht aus. Wer sein ganzes Leben lang nur Fragen stellt und nie nach Antworten sucht, lernt nichts.
    Und wenn man schon “kritisch hinterfragt” (alias Verschwörungstheorien aufstellt), sollte man doch wenigstens die Puzzleteile auflesen, die direkt vor einem liegen.
    Hinterfrag das mal kritisch!

    • Keine Sorge,

      ich hab mich, soweit das möglich war über das Thema informiert. Doch ändert das nichts an der Tatsache, wie ich zu dem Thema stehe. Interessant jedoch, dass Du mir Uninformiertheit vorwirfst.

      Mir geht es auch nicht um die Klicks. Weder als Egofick, noch aus monetären Gründen – oder siehst Du hier im Blog irgendwelche Displaywerbung? Ich freue mich, wenn meine Texte Gedanken und Diskussionen anregen.

      In so fern erreicht der Beitrag sein Ziel. Der Kommentar von JeriC zeigt ja auch, das ihm beim Weiterleiten des Bildes gewisse Faktoren nicht bekannt waren. Das Beispiel der Kamera aus Neuseeland ist nur eines von vielen, das “auf der Straße liegt”.

      Der Fall ist ein Beispiel für eine, meines Erachten nach, traurige, gesellschaftliche Entwicklung. Nicht mehr und nicht weniger. Wer Glücklich mit seiner Rolle ist, darf sie gerne behalten. Und wer sich Schuhe anzieht muss eben auch darin laufen.

      So genug der gedroschenen Phrasen. Schön fand ich die unterstellte Motivation und die argumentative Taktik mich als “etwaigen Blogger” zu diskreditieren, so dass man meine Meinung gleich mal in die Ecke schieben kann.

      “Wer sein ganzes Leben lang nur Fragen stellt und nie nach Antworten sucht, lernt nichts.”

      Dem Satz kann ich zu 100% zustimmen. Nur sind 90% der Problemlösung das Stellen der richtigen Fragen. Denn wer ein Problem in die richtigen Fragen gekleidet und diese beantwortet hat, hat es verstanden und kann (für sich – oder für andere) eine Lösung anbieten, die sich auf das Problem, nicht die Symptome richtet.

      “Einfach mal die Fresse halten.”

      Danke für dieses Zitat. Ich kann mich dem einfach mal anschließen.

  • Hi, ich bin der, der das Bild bei Twitpic hochlud (aber das Bild ist nicht von mir, das stammt aus meinem Stammforum ;) ). Ich habe nix gegen Kritiker, nein, sie ließen mich sogar über Dinge nachdenken die mir beim Posten egal waren. Es war für mich nicht als Hoax offensichtlich (wie diese alte Sache mit dem kostenpflichtigem ICQ), zugegebenermaßen war die Sache für mich nach dem Upload sogar erledigt – bis ich vom Feedback überrant wurde (dass mein Twitter-client den Tweet nicht zu dem Twitpic hinzufügte, steigerte die Verwirrung – viele dachten, ich habe die Kamera gefunden)…
    Wie gesagt, ich habe nix gegen kritische Fragen…

  • Dann weißt du also, wo das Bild erschien? Du hast mit dem Poster geredet? Hattest persönlichen Kontakt mit ihm? Ach so.
    Und du hast auch mitbekommen, dass sich der Fall gelöst hat und der Besitzer mehr als glücklich ist?
    Und dass sich die ganzen “Verschwörungstheorien” als absoluter Schwachsinn herausgestellt haben, wie ich es vorher schon betont habe?

    Es ist ja so leicht, eine Verschwörungstheorie aufzustellen. Und wenn man recht hat, hängt man es an die große Glocke. Man habe es doch von Anfang an gesagt!
    Aber wenn man unrecht hat? Dann wird die Angelegenheit unter den Tisch gekehrt. Es ist wie mit den gotischen Kirchen: Man weiß heute nur von denen, die nicht zusammengebrochen sind.

    Wie kannst du das Weiterleiten eines solchen Bildes kritisieren, wenn du dein Wissen selbst nur aus zweiter Hand hast? Du verbreitest die Theore von maennig.de, für die er ja selbst schon genug Kritik bezogen hat – zurecht. Aber du hast keine Ahnung von den Hintergründen – genau wie die meisten der re-tweeter. Du hast die Theorie von maennig.de genauso wenig kritisch hinterfragt, sondern einfach weitergeleitet und ausgebaut. Bravo, Eigentor.

  • [...] Künftig also kein “Ich hatte keine Zeit” mehr. Künftig sollte es heißen: “Das war mir nicht wichtig genug.” Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund sich dafür zu entschuldigen. Ich will lieber ehrlich sein, als “nett“. [...]

Deine Meinung? Ich freue mich über Deinen Kommentar!