Sep 13, 2011 - Gesellschaft    3 Comments

Der Mensch ist dumm: Kant wäre Organspender

Lange Zeit dachte ich, Kants “Kategorischer Imperativ” sei die ideale Grundlage für eine gesellschaftliche Ethik. Man muss nicht auf eine religiös oder anderweitig “esoterisch” motivierte Moral zurückgreifen. Doch inzwischen glaube ich, dass die Idee des vernünftigen Menschen einfach Blödsinn ist.

Immanuel Kant wäre Organspender gewesen. Zumindest wenn er seiner eigenen Theorie vom vernunftbegabten Menschen folgen würde. (Bild: Andreas Toerl; Lizenz: cc-by-sa)

Kant formulierte seinen “Kategorischen Imperativ” in der Zeit der Aufklärung. Sein Ziel war es für alle (vernunftbegabten) Wesen (und darin schloss er alle Menschen ein), eine allgemeingültige Handlungsgrundlage zu geben, die eben nicht den Rückgriff auf Religion, etc braucht.

“Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. ” (Immanuel Kant, § 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft).

Doch genau bei der grundlegenden Annahme des “vernünftigen Menschen” muss ich Kant einfach widersprechen. Betrachte ich mir die Menschen um mich herum, blicke ich morgens in der U-Bahn auf die schlafwandelnden Fleischtüten, oder gehe ich mit offenen Augen durch die Stadt, so stelle ich immer und immer wieder fest: Der Mensch ist unvernünftiger als jedes Tier auf diesem Planeten.

Der Mensch wird (wie auch die Tiere) angetrieben von seinen Trieben. Doch der Mensch übertreibt es mit diesen Trieben derart, dass er sich selbst und die Welt um ihn herum damit in den Untergang treibt. (Sorry, die Trieb-/getrieben-Wortspiele konnte ich mir nicht verkneifen.)

Inzwischen wissen auch die Psychologen (und die Verhaltensökonomen), dass der Mensch eben nicht das rationale Tier ist, auf dem so viele gesellschaftlichen Modelle beruhen. Irrationalitäten (und hier nehme ich mich ganz sicher nicht raus) beherrschen uns und treiben uns vor sich her, wie ein Schäfer seine Herde.

Beispiele gibt es genug: Rauchen, Alkohol, Religion, Drogen, Atomstrom-Hass, Öko-Ideologien, Apple-Produkte, übermäßiger Konsum industrieller Nahrung, Stromverbrauch, sinnlose Gewaltausbrüche, Fußball, und, und, und…

Natürlich bin ich nicht unschuldig. Natürlich bin auch ich nur ein Teil dieser Masse. Und nein, ich erhebe mich nicht mit dem mahnenden Zeigefinger. Ich blicke mich um, mache mir meine Gedanken und werfe sie der Welt zum Fraß vor. Natürlich in der Hoffnung damit Gedanken und Reaktionen anzustoßen. Ich bin auch nur ein Gleicher unter Gleichen.

Wie gesagt, Kant ging davon aus, der Mensch sei ein “endlich vernunftbegabtes Wesen”. Ich halte den Menschen eher für ein “unendlich unvernunftbeladenes Etwas”. Und das ist an sich ja nicht einmal etwas schlechtes. Wir müssen es nur anerkennen und lernen damit umzugehen.

Die Dummheit der Menschen am Beispiel “Organspende”

Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Organspende. Vernünftig wäre es, dass jeder Mensch einen Organspendeausweis hat. Man sollte also meinen, dass allein die (angenommene) Vernunft im Menschen dazu führen würde, dass die Quote der Organspender bei nahezu 100% liegt. Tatsächlich gab es in Deutschland mit seiner “Zustimmungsregelung” im Jahr 2010 genau 1.296 Organspender (wenn man Lebendspende nicht mitzählt). Das heißt auf 1 Million Bürger kommen 16 Organspender. In Spanien sind es beispielsweise 34.

Nur 25% der Deutschen haben überhaupt einen Organspendeausweis. 75% sind jedoch bereit Organe zu spenden.

Doch dann höre ich so außerordentlich dumme und ideologiegetriebene Aussagen von Vollidioten Politikern:

“Ich meine, dass es auch für die Erklärung zur Organspende kein ‘Muss’ geben darf.” (Annette Widmann-Mauz, CDU)

Und dabei geht es hier nur darum, dass man seine Position zur Organspende erklären soll. Andere Länder machen es da sehr viel intelligenter. Dort muss man explizit bekanntgeben, wenn man kein Organspender sein will. Dort ist die Quote der Spender entsprechend höher. Die Bequemlichkeit der Menschen wird eben in diesem Fall zum Vorteil der Gesellschaft genutzt.

Würden also nur die 25% der Bevölkerung, die keine Organe spenden wollen, sich gegen eine Spende aussprechen, wäre die Quote der “Nichtspender” beim Wechsel auf die “Widerspruchsregelung” genauso hoch, wie heute die Quote der Spender. Die faulen 50% der Bevölkerung, die grundsätzlich bereit sind zur Spende, wären somit automatisch Spender.

Nebenbei würde dies noch den Haushalt entlasten, da nutzlose teure Kampagnen zur Erhöhung der Spendenbereitschaft wegfallen können.

Abgesehen davon, dass bei den ablehnenden 25% sicherlich irrationale Gründe den größten Anteil daran haben, dass sie nicht spenden wollen. Gerade hier zeigt sich in meinen Augen, dass der Mensch ein dummes unvernünftiges Tier ist.

Nutzt die Dummheit Irrationalität des Menschen

Geht man also vom faulen bequemen Menschen aus – und eben nicht davon, dass der Mensch vernunftbegabt ist – löst man ein existierendes Problem recht schnell. Und das lässt sich auch auf viele andere Bereiche des Lebens übertragen.

3 Kommentare

  • Ich bezweifle, dass die Verweigerung der Organspende zum Nachweis der Dummheit eines Menschen geeignet ist.

    Die Transplantationsmedizin und damit zwangsläufig auch die Organspende haben sich in den letzten Jahren zu einem Tabuthema entwickelt. Es besteht heute ein hoher gesellschaftlicher Druck, Organspende zu befürworten. Fragt man jedoch die für die Organspende Werbenden nach Gründen und Hintergründen, dann bleiben die konkreten Antworten meist recht spärlich. Dabei sind die Erfolge der Transplantationsmedizin zumindest bezweifelbar. Schlüssige Statistiken mit übergreifenden Zahlen sind nur sehr schwer auffindbar. Deutlich wird allerdings allemal, dass die Ein-Jahres- und Fünf-Jahres-Überlebensraten der Patienten nach Transplantationen seit Jahren im Fallen begriffen sind. Verfügt man über etwas Erfahrung mit klinischen Studien, so muss man zusätzlich davon ausgehen, dass sich die publizierten Erfolge der Transplantationsmedizin aufgrund allfälliger »aus der Studie fallender« Patienten ohnehin deutlich idealisiert darstellen.

    Zum Thema der postoperativen Lebensqualität der Patienten ziehen es die Quellen fast durchgängig vor, zu schweigen. Die im Leben nach der Transplantation dauerhaft erforderlichen Immunsupressiva sind nicht ohne Nebenwirkungen, die ihrerseits wieder aufwändig und nicht unproblematisch therapiert werden müssen. Ein hoher Prozentsatz der Patienten ist auch postoperativ schlicht nicht in der Lage, ein Leben wie vor seiner Erkrankung zu führen. In der Aufklärung der Bevölkerung finden Informationen zu diesem Themenkreis kaum statt. Das ist auch nicht verwunderlich, ist doch für Kliniken die Transplantationsmedizin zum ein gutes Geschäft und für die ausübenden Mediziner nicht nur eine hervorragende Einkommensquelle, sondern auch eine höchst prestigereiche Tätigkeit. Beides sollte jedoch nicht davon ablenken, dass dieses Gewerbe nach wie vor ein höchst experimentelles ist, oft auf Kosten der Patienten.

    Letztlich sollte es jedem selbst überlassen bleiben, zu entscheiden, ob er das Leben – gleich welcher Qualität und Restdauer – als höchstes Gut über alles stellen mag oder ob er sich einen System, das diese ethische Prämisse zum gesellschaftlichen Zwang erhebt, lieber entziehen möchte. Für beides gibt es gute Gründe.

    Disclaimer: Ich habe mich über einige Jahre hinweg beruflich mit Prozessen in Kliniken und Operationszentren sowie mit dem Qualitätsmanagement und der Erstellung von Statistiken und Studien in diesem Bereich beschäftigt. Als geschäftsführender Gesellschafter eine Medizinmarketing-Agentur habe ich unter anderem Werbekampagnen für die Organspende entwickelt.

    • Ich weiß, dass mein Posting sicherlich recht kontrovers formuliert ist. Ich sehe jedoch aus eigener Erfahrung im Umfeld, was es für das Leben von Empfängern bedeuten kann, wenn es die Möglichkeit zur Organspende gibt.

      Natürlich ist das “nur” anekdotische Erfahrung und Argumentation, das ist mir bewusst. Beispielweise kenne ich einen Ex-Bluter. Ja, sowas gibt es. Da der Blutgerinnungsfaktor (der ihm gefehlt hat), in der Leber produziert wird, und er eben dieses Organ transplantiert bekommen hat, hat er seither ein Organ, das ihm diesen Gerinnungsfaktor zur Verfügung stellt.

      Natürlich muss er Meds nehmen. Sein Leben lang. Natürlich ist das nicht gerade angenehm. Doch ist es nicht angenehmer, dass er lebt, sein leben genießen kann, Erfahrungen sammelt, Kinder bekommen hat und so sein Leben, seine Erfahrungen weitergeben konnte, anstatt ohne Organspende gestorben zu sein?

      Können wir wirklich von uns behaupten, dass wir Leben als weniger wert erachten, nur weil jemand vielleicht nach einer Organspende anders, (Meds, etc) leben muss als ein gesunder? Ist es nicht viel eher so, dass Organspenden ein weiterleben oftmals ermöglichen. Klar, auch hier gibt es die Fälle, die sicherlich nach Jahr 1 oder 5 nicht überlebt haben. Aber die Wahrscheinlichkeit ist doch größer, dass derjenige überlebt, als ohne Organspende. Und im Sarg nützt das Organ dem Toten sicherlich nichts mehr. Wieso also nicht nutzen und zumindest die Wahrscheinlichkeit des Überlebens für jemand anderen erhöhen?

      Trotz aller Unwägbarkeiten und trotz allem noch fehlenden Wissen?

  • Wer nicht bereit ist zu spenden soll auch kein Organ bekommen.

    25% Spender sind ein Wunschtraum, weil diese “Ausweise” längst im Müll liegen – 0.5% sind real.

    Personen ohne Spendenbereitschaft, werden, wenn diese mal auf ein Organ angewiesen sind, vom Organempfang GRUNDSÄTZLICH ausgeschlossen
    Organempfänger kann nur werden, wer vorher als Spender seine Organspendebereitschaft erklärt hat offiziell in die Organspenderdatenbank der Krankenkassen eingetragen ist und seine 5 Jährige Wartezeit abgelaufen ist, erst dann steht er, wenn er auf ein Organ angewiesen ist, in der Liste der Organsuchenden und bekommt dies, wenn ein Organ mit den richtigen Gewebemerkmalen angeboten wird. Dabei hat der die erste Wahl, der am längsten seine Spendbereitschaft erklärt hat, bei gleicher Gewebeverträglichkeit. Erst wenn kein passender Empfänger in die Liste der Berechtigten zu finden ist wird die Liste der Patienten in Warteliste gesucht – mit der Priorität wie vor!
    Nichtspender werden nicht in diese Organempfängerliste aufgenommen.

    Niemals werde ich Organe spenden, wenn Leute meine Organe bekommen können, die NICHT bereit sind auch für mich Ihre Organe im Todesfall zu spenden. Ganz einfach

    Nicht wahr und so hat man bald 50% Spendewillige
    in einer Organspenderdatenbank der Krankenkassen – Ausweise so ein Schrott …. Kopfschüttel….

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