Gesellschaft, Social Media
No CommentsRelevanz – Mein schwarzer Schwan
99 von 100 Mails lösche ich nahezu ungelesen. Ich spreche nicht von Spam, ich spreche nicht von den Mails in der Arbeit. Ich spreche nur von den Mails, die täglich in meine privaten Postfächer fließen.

Lange dachte man in Europa, alle Schwäne seien weiß. Diese Allaussage musste mit der Entdeckung eines einzigen schwarzen Exemplares aufgegeben werden. (Bild: RedCraig / Lizenz: cc-by-sa)
99 von 100 Status-Updates lese ich nicht. Sie sind ausgeblendet, oder ich sortiere sie aus meiner Wahrnehmung.
999 von 1000 Tweets fliegen ungelesen durch meine Timeline. Ich sehe sie nicht und wenn ich mal auf meinen “Nachrichten-”Strom schaue, erscheint mir der kollektive Bewusstseinsstrom oft reichlich irrlevant. Er gleicht einer großen Massenparty, bei der man einmal durch den Raum läuft – und wieder zurück zum Ausgang, weil man lieber sofort wieder verschwindet.
Unzählig viele, mögliche Ergebnisse filtert Google schon “für mich” aus den Suchergebnissen aus – auch wenn sie auf meine Suchanfrage passen würden. Mein Google-Ergebnis sieht anders aus, als Deins. Bei gleicher Suchanfrage wohlgemerkt.
Ich filtere radikal. Und dennoch lese ich noch viel zu viel. Das Wissen um die Filter, in den letzten Monaten nur noch faschistoider eingestellt, noch radikaler im Aussortieren und Entsorgen, sorgt zugleich dafür, dass all das, was übrig bleibt, den Anschein von Wichtigkeit bekommt. Völlig unbewusst. Ein Problem in meinem Kopf.
Ich muss noch lernen im Kopf härter zu filtern. Das schlechte Gewissen auszuschalten. Diese Stimme, die versucht mir einzureden, ich könne etwas verpassen. Doch was ich “verpasse” ist nahezu immer die endlose Perpetuierung bekannter, altbekannter Aussagen. Alter Wein in neuen Schläuchen, ohne Mehrwert – und ohne Relevanz.
Doch wieso ist Relevanz dann mein schwarzer Schwan?
Etwa ein bis zwei Ereignisse gibt es in der Woche, in denen der “Zufall” sich Bahn bricht. In denen mir ein Link, ein Wort, ein Zitat vor die Füße fällt und eine andere, eine neue Perspektive eröffnet. Oft geschieht dies allerdings analog, nicht digital.
Das ist dann der schwarze Schwan im kulturpessimistischen Denken. Es gibt die Relevanz dort draußen. Doch wie im analogen Leben ist sie rar gesät und man muss zum Spurenleser werden, um sie zu finden.
Filtert, schließt die Schleusen und öffnet so Eure Aufmerksamkeit für die absolut subjektive Relevanz. Ihr könntet die kleinen Perlen sonst am Wegesrand übersehen.
Denn: Wer findet schon das 10-Cent-Stück auf dem Fußboden einer 4000-Mannparty?





