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Okt 12, 2009 - Gesellschaft    No Comments

“[...], sondern bloß ein Spinner.”

Replik auf das Streiflich vom 12. Oktober 2009:

Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung betrachtet im heutigen “Streiflicht” die Frage: “Wer ist Sigmar Gabriel?” Eine nicht ganz unberechtigte Frage angesichts der aktuellen Entwicklung in der ehemaligen Volkspartei SPD. Verglichen wird der designierte Parteichef dabei mit allerlei mythologischen Gestalten – auch mit Herkules. Hierbei sei vor allem das tragische Ende des Helden zu beachten. Im, von der eifersüchtigen Ehefrau tückisch verzauberten, Nessos-Hemd sei er tragisch verbrannt.

Der Text endet dann mit folgender Aussage:

“Wer nun allerdings [...] behauptet, dass Frau Andrea Nahles bereits an einem solchen Hemd nähe, der ist kein Mythomane, sondern bloß ein Spinner.”
(Quelle: SZ, Streiflicht, 12. Oktober 2009)

Die Frage, die sich mir dabei aufdrängt ist folgende: War die Doppeldeutigkeit des Wortes “Spinner” beabsichtigt? Wird hier der Faden für jenes Nessos-Hemd gesponnen? Oder doch nur auf die geistige Gesundheit mancher Leser und anderer Kommentatoren im bundespolitischen Umfeld angespielt?

Leider steht das Streiflicht auch im 21. Jahrhundert nicht in online kommentierbarer Form zur Verfügung. Somit muss die Frage eben im Raum stehen bleiben.

50 Jahre Missionen ins All

(Quelle: stevey.com)

“Stevey” hat ein wunderschönes statisches Poster gebastelt, das die Weltraummissionen der letzten 50 Jahre illustriert. Faszinierend – nur leidern icht 100%ig seine Idee. Das ganze basiert auf einer Flash-Grafik von nationalgeographic.com.

Nichts desto trotz eine richtig tolle Sache für all diejenigen, die sich das Ding mal ausdrucken wollen.

Der Tag der toten Taube

Tag des Friedens in Afghanistan: Ein Tag, 33 Provinzen, etwa 2000 Teilnehmer in Kabul – und ein großes Zeichen. (Quelle: ded)

Es wurde also groß gefeiert in Kabul und den umliegenden Landstrichen. Vielleicht sollte man sagen: “Es herrschte eine Bombenstimmung” – aber das wäre dann wohl doch zu zynisch.

Jedenfalls produzierte dieser Friedenstag in meinen Augen eines der stärksten Bildsymbole dafür, wie es tatsächlich um den Frieden in Afghanistan bestellt ist.

Aber seht selbst:

Man beachte den Herren ganz rechts (dritte Person von rechts). Die Taube, welche er so zartfühlend in Händen hält hat offensichtlich schon bessere Tage gesehen.

Traurig, dass eine eigentlich gute Sache, die ein Tag für den Frieden darstellen sollte, derart zum Symbol für eine gescheiterte “Friedensmission” werden muss. Obwohl auch der Tag an sich zu hinterfragen wäre. Ein Tag des Friedens. Bedeutet das dann also 364 Tage des Kriegs?

Okt 2, 2009 - Gesellschaft    No Comments

AP, ddp und dpa

Nein, dieser Beitrag hat nichts mit den Fantastischen Vier zu tun.

In der Hauptstadt pfeifen es die Spatzen schon ziemlich laut von den Dächern: Schon bald könnte die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) ihren deutschen Dienst verkaufen. Und zwar an die Eigentümer des Deutschen Depeschendienstes (ddp). Am heutigen Donnerstag könnte es bereits einen sogenannten Letter of Intent geben, eine Absichtserklärung also. Offiziell will das allerdings niemand bestätigen – weder bei AP noch bei ddp. (Quelle: taz.de)

Es darf abgewartet werden, wie sich der Agenturmarkt in Deutschland so entwickelt. Sollte sich die Gerüchte bewahrheiten, so entstünde eine ernste Konkurrenz für die alte Dame dpa. Angeboten werden könnte dann ein beinahe vollumfängliches Paket an Meldungen (ddp Landesdienst, Deutschland, International) – ebenso wie es die dpa produziert. Einzig der Bereich Sport bliebe außen vor.

Allerdings liegt der Auslandsschwerpunkt der AP verständlicherweise immer noch auf den USA, einzig durch wenige Meldungen angereichert, die Deutschland betreffen.

Wie heißt es so schön: Konkurrenz belebt das Geschäft. Es bleibt also spannend.

Okt 2, 2009 - Gesellschaft    No Comments

Kommentar: BILD Dir Deine Kunstfreiheit

Herabsetzungen jedweder Art sind der Bild-Zeitung bekanntlich wesensfremd. Deshalb war sie sehr empört, als sie in zwei Werbespots eine Bild und ihre Leser herabsetzende Werbung der taz zu erkennen glaubte. (Quelle: sueddeutsche.de)

(Quelle: Screenshot)

Es ist ein Kreuz mit der Ironie. Zynismus wird ja gemeinhin von Jedermann erkannt. Dies kann allwöchentlich bei beliebten Serien wie House M.D. erfahren werden. Die feinere Schwester des Zynismus hingegen, die Ironie, hat es da nicht so leicht. Dies ist auch den Kai Diekmann und seinen Untergebenen hinlänglich bekannt. Ein ironischer Werbespot der taz hatte nun schon vor geraumer Zeit die Gemüter bei Springer erregt – und so wurde gegen den Spot geklagt. Zwei Instanzen gaben der Bild-Zeitung recht, doch der Bundesgerichtshof schmetterte nun in letzter Instanz die Klage ab. Ein Sieg für die Kunst möchte man meinen. Ja die Spots (insgesamt waren es zwei preisgekrönte Werbefilmchen) gelten als Kunst. Zumindest im Verständnis von Jury und BGH. Dem Kunstverständnis der Bild hingegen scheinen Filmfigur Kalle und sein Kunde nicht zu entsprechen.

Im ersten Spot erscheint ein Mann in Jogginghose und Unterhemd vor einem als “Trinkhalle” bezeichneten Kiosk. “Kalle, gib mal Zeitung!” Auf die Antwort des Verkäufers “Is aus!” und die Gegenfrage “Wie aus?” schiebt Kalle die taz über den Tresen. Der Kunde: “Wat is dat denn?” und, nach einem Blick ins Blatt: “Mach mich nicht fertig, Du!” Schließlich das Happy End: Kalle gibt ihm doch seine Bild-Zeitung, beide lachen herzlich. Der Spot endet mit dem Slogan: “taz ist nicht für jeden. Das ist OK so.”

Springer, seit Jahren mit damit beschäftigt das Image der Bild zu verbessern, argumentierte daraufhin wie folgt:

  • Die Werbung zeichne ein vernichtendes Bild ihrer Leserschaft
  • Die intellektuellen Fähigkeiten würden extrem negativ dargestellt
  • Die soziale Struktur der Leser würde ebenfalls als viel zu schlecht vermittelt
  • Die Leser wären unterbelichtet und primitiv

Die Anwältin der taz hingegen vertrat die Ansicht, die Spots seien “etwas frech, aber funny” und durch die Grundrechte sowohl der Meinungs- als auch der Kunstfreiheit gedeckt. Dem folgte der BGH – und dem ist nichts hinzuzufügen.

Obwohl:

Wird der Spot durch den Aufriss der Bild-Zeitung wirklich besser? Oder gar lustiger? Ja mit der Ironie ist es so eine Sache. Meiner Meinung nach ist der Spot weder gut, noch lustig. Schön, das die taz die Meinungs- und Kunstfreiheit verteidigt. Schade nur, wenn dafür ein derart mageres Beispiel herhalten muss.

Zitat:

De gustibus et coloribus non esse disputandum.

Sep 9, 2009 - Gesellschaft    No Comments

Liverollenspiel – Abenteuerurlaub in einer anderen Welt

Es ist Nacht. Aus einer großen Kohleschale steigt dichter, weißer Rauch auf und verweht im Wind. Es riecht nach Weihrauch. Von Kerzenlicht beschienen sitzen vier Frauen und ein junger Mann in einem Kreis und spielen auf ihren Instrumenten. Flötenklänge, leise Harfenmusik, eine Gitarre eine Trommel und eine Laute vermischen sich zu mittelalterlichen Melodien. Dazu singt eine rundliche, sehr gemütlich aussehende Frau Lieder über die vier Elemente. Etwa zehn Personen blicken gebannt und schweigend auf das Ritual, das sich vor ihren Augen abspielt. Neben mir steht eine Elfe: Riella. Es ist der zweite Abend eines Liverollenspiels und die Handlung der in den letzten 30 Stunden erlebten Geschichte neigt sich ihrem Ende zu.

Doch der Reihe nach. Einen Tag vor diesem Ritual fahre ich mit dem Auto durch den Odenwald. Ich will mich mit Tina treffen. Die 28-Jährige ist Liverollenspielerin und übers Wochenende wird sie in die Rolle der Elfe Riella schlüpfen um verschiedene Abenteuer zu erleben. Seit Anfang der 90er Jahre hat sich dieses Hobby in Deutschland immer weiter verbreitet. Inzwischen gibt es an jedem Wochenende im Jahr mehrere solcher Veranstaltungen. Die Teilnehmer treffen sich, um interaktiv eine Geschichte zu erleben. Beinahe so, wie in einem Computerspiel. Der Unterschied zum Spiel am Computer ist jedoch, dass die Spieler die Dinge tatsächlich erleben und die Handlung der Geschichte beeinflussen können. Obwohl es sich zeigt, dass man eine gehörige Portion Phantasie braucht, wenn man an einer solchen Veranstaltung  teilnimmt.

Tina, die später im Spiel Riella heißen wird, empfängt mich, nachdem ich den Veranstaltungsort, eine Hütte im Odenwald erreicht habe. Gedrungen duckt sich die Waldhütte unter die Nadelbäume. Um das Gebäude mit dem moosbewachsenen Holzdach herum stehen fünf Zelte aus schwerem, weißen Stoff und ein großer Gartenpavillon. Die Zelte sehen aus, als wären sie aus einem mittelalterlichen Ritterlager, der Pavillon hingegen passt nicht ganz ins Bild. Dennoch liegt über dem ganzen Platz etwas Unwirkliches. Auch wenn direkt neben dem Platz eine Straße durch den Wald führt. Tina umarmt mich zur Begrüßung. Das scheint völlig normal zu sein, da hier offenbar jeder so begrüßt wird. Die junge Frau zeigt mir meinen Schlafplatz für die kommenden beiden Nächte. Ich bin im größten Zelt untergebracht. Das Zelt, das so größer ist als ein mittelgroßes Wohnzimmer, ist unerwartet gemütlich und warm. Eine leuchtend orange Gasflasche, die in der Zeltecke versteckt ist, liefert den Brennstoff für die Zeltheizung.

Tina, im echten Leben Bibliothekarin, wird also später die Elfe Riella spielen. Jeder Spieler schlüpft während des Spiels in eine bestimmte Rolle, die er sich selbst ausgedacht hat. Der Name, die Rasse, oder die Frage, ob der Charakter ein Krieger oder ein Magier ist, alles das steht auf einem Charakterbogen, den der Spieler ausfüllen muss. Zum Liverollenspiel gehört viel Fairness. Es gibt zwar die Veranstalter, die sich die Geschichte ausgedacht haben und sich um die Versorgung der Teilnehmer kümmern. Aber die Teilnehmer bestimmen selber welche Fähigkeiten sie im Spiel haben. Mit der Zeit lernen die Charaktere im Spiel nach bestimmten Regeln neue Fähigkeiten. Dabei ist es den Spielern überlassen, ob sie die Regeln die es gibt beachten, oder nicht.

„Alles was Du nachher machst, machst Du im Spiel. Egal, ob Du etwas sagst, kämpfst oder ob du isst“, erklärt Tina einem breitschultrigen Mittzwanziger, der zum ersten Mal auf einem Liverollenspiel ist. Ein anderer Spieler zeigt dem Anfänger dann noch nach welchen Regeln auf dem der Veranstaltung gekämpft wird. Die Waffen, das sind Schwertatrappen aus festem Schaumstoff, der mit Latexfarbe bemalt wurde. So sehen die Waffen aus einiger Entfernung sogar recht realistisch aus. Wird ein Spieler später von einer Waffe getroffen, muss er seine Spiel-Verletzungen glaubwürdig darstellen. Dafür bedarf es Phantasie und einem gewissen schauspielerischen Talent.

Tina hat sich inzwischen umgezogen und sich spitze Elfenohren aus Latex angeklebt. Die Ohren sehen aus, wie die von Mr. Spock aus „Raumschiff Enterprise“. Damit und durch die mit Fell verzierte Kleidung ist aus der Bibliothekarin Tina die Elfe Riella geworden. Um die Hüften hat sie einen Stoffgürtel gebunden. Kleine, schwarze Rabenfedern, die sie in den kommenden Tagen überall verlieren wird, sind durch silberne Ringe am Gürtel befestigt. Mit den Federn zeigt Riella auch, dass sie nicht nur eine Elfe ist. „Riella wird von ihrem Lehrmeister im Spiel zur Schamanin ausgebildet“, erklärt Tina mir, kurz bevor das Spiel losgeht. Für die nächsten eineinhalb Tage sind wir jetzt nicht mehr im Odenwald, sondern in dem phantastischen Inselstaat Atvia.

In der Geschichte, die die Spieler erleben geht es um einen dunklen Halbgott, der vor langer Zeit aus dieser Welt verbannt wurde und nun zurückgekehrt ist. Um ihn zu besiegen benötigen die Spieler allerlei Hilfsmittel, die sie von verschiedenen Figuren in der Spielwelt erhalten. Diese Rollen werden von sogenannten Nichtspieler-Charakteren dargestellt. Das sind Teilnehmer, die all die Rollen spielen, auf die die Spieler treffen; sozusagen Statisten. Alle Hinweise die von den Spieler n zum Lösen der Geschichte benötigt werden, kommen von diesen Figuren. Und manchmal sind es einfach nur Räuber, die die Spieler im Wald überfallen.

Nach etwa dreißig Stunden ist der dunkle Halbgott wieder vertrieben und die Spieler feiern bei Kirschwein, Bier und Met in der Taverne. Die Barden spielen ihre Lieder und erst im Morgengrauen geht auch Riella ins Zelt um zu schlafen. Am nächsten Morgen ist sie wieder Tina.

Nach zwei Tagen Abenteuer, regennasser Kleidung, Adrenalin und Getränken aus Holzbbechern frage ich Tina, wo der Unterschied zwischen ihr und ihrer Rolle Riella liegt. Bevor sie sich auf den Weg macht zurück zu ihrem Mann und ihrem normalen Leben antwortet sie: „Da gibt es Leute, die würden sagen, es gibt gar keinen so großen Unterschied zwischen mir und meinem Charakter.“

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