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Mai 30, 2011 - Gesellschaft, Multimedial    No Comments

Algorithmisch zurück ins Mittelalter

Aufklärung 3.0, Befreier der Rede oder Speerspitze einer neuen Demokratie. Bringt uns die Vernetzwerkung der Welt wirklich das Licht der Erleuchtung?

Mittelalterliche Handschrift (Photo: wit / Lizenz: cc-by-sa)

Ich muss mich vorab entschuldigen. Ich kann über meine Gedanken nicht schreiben, ohne poetische Bilder zu verwenden, metaphorische Sprache, scheinbar entfernt von Fakten. Doch sind es, meiner Meinung nach, genau diese Bilder, die uns Verständnis erst ermöglichen.

Ein Vortrag auf der next11 hat es mir besonders angetan. Gebannt saß ich vor dem Rechner, nachdem ich leider nicht vor Ort sein konnte. Und ich empfehle jedem, sich diesen Talk anzusehen. Ich glaube selbst gerne an die positive Kraft der Technik, doch das, was Kevin Slavin dort erläutert, lässt mich nachdenklich werden und erzeugt Gänsehaut:

Die Entwicklung der Menschheit (zumindest die einiger Individuen/Subgesellschaften), entwickelt sich nach Aguste Comte durch drei Stadien:

  1. Das theologisch-fiktive Stadium
  2. Das metaphysische, oder abstrakte Stadium
  3. Das positive, oder wissenschaftliche Stadium

Um das kurz und verkürzt zu sagen: Der Mensch entwickelt sich von einem vor-religiösen Pantheismus, über den Monotheismus, hin zu einem Stadium, indem abstrakte Kräfte zur Erklärung der Welt herangezogen werden. Hier entwickelt sich auch der rationale Verstand, das Hinterfragen von Ursachen, was schließlich zum wissenschaftlichen Stadium führt.

Auch wenn ich dieser rigorosen Einteilung nicht vollständig zustimmen kann und ich mir der Irrrationalität des Menschen wohl bewusst bin: Man kann die historische Entwicklung der Menschheit mit diesem Werkzeug zumindest grob erfassen.

Viele Theoretiker des digitalen Zeitalters behaupten nun, dass uns der Fortschritt der Vernetzung weiterführen würde, hin zu einer neuen Aufklärung. Einer Aufklärung 2.0 (manchmal gar 3.0).

Ich widerspreche!

Die meisten Menschen nutzen Geschichten, um sich die Welt zu erklären. Geschichten gelten als das kollektive und das individuelle Gedächtnis der Welt.

Warum gäbe es sonst einen Film über Facebook? Dabei nutzt der Mensch unbemerkt sehr oft die Verwechslung von zeitlicher Abfolge und logischer Konsequenz. So werden scheinbare Kausalzusammenhänge “erklärbar”, obwohl es oft nichmal Korrelationen sind.

Weil ich im März geboren wurde, die Sterne so und so standen, verhalte ich mich wie ein Sternzeichen Widder mit dem Aszendenten Zwillinge. Oder so.

Weil Facebook das bessere Netzwerk ist, überflügelt es…

Weil Twitter so toll ist, nutzen es alle…

Weil das iPhone…

Dabei werden wir, unbemerkt für die meisten Menschen, heute von Algorithmen gesteuert. Vom Buchvorschlag bei Amazon, dem Suchergebnis bei Google, dem Wetterbericht im Fernsehen, der Wartezeit auf den Aufzug bis zur Waren-Belieferung großer Handelsketten. Die Welt (nicht nur die digitale) wird von Algorithmen kontrolliert.

Ein weiteres Beispiel ist der Aktienmarkt, in obigem Video schön erklärt. Bis heute verstehen, auch rückblickend, die Experten noch nicht, was genau im Jahr 2010 passiert ist, als der Aktienmarkt 10% seines Wertes in 5 Minuten verloren hat.

Doch was passiert, wenn immer mehr Lebensbereiche von Algorithmen gesteuert/kontrolliert werden. Verkehrsführung, Nahrungsmittelempfehlungen, Lese-Empfehlungen, Verbrechensbekämpfung. Die Verteilung lebenswichtiger Medikamente. Wenn unsere tatsächlichen Handlungen keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung mathematischer Formeln haben. Wenn in Millisekunden weitreichende Entscheidungen von Servern getroffen werden?

Wird Mathematik die Sprache der Götter? Brauchen Menschen eine neue Religion, neue Mythen, um sich die Welt zu erklären? Muss ich mir eine neues “Glaubenszentrum” in mein Gehirn implantieren lassen?

Ist eine Welt, in der 99,99 Prozent aller Menschen nicht mehr verstehen können, wodurch sie beeinflusst werden, eine Welt in der ich leben will? Ist das die Welt der gepriesenen neuen Aufklärung?

Oder ist es der Rückfall in mittelalterliche, oder gar mythologische Zeiten, in denen die Götter und Geister unsere Welt bestimmten und wir ihnen Opfer darbrachten, auf das die Ernte gnädig ausfalle.

Wer folgt den Social Media Narren?

Es gibt Experten. Und es gibt “Experten”. Der Unterschied ist gravierend. Wer dem einen vertraut gewinnt, wer sich auf den anderen verlässt, ist verlassen.

"Daß Narrenschyff ad Narragoniam" von Sebastian Brant (Lizenz: public domain)

Der Experte:
Reich an Erfahrung. An praktischer Erfahrung. Er kann das was er tut  nicht nur meisterlich, sondern er erklärt es auch in Worten, die der Laie versteht und reicher an Wissen, zur Kenntnis nimmt.

Ein Beispiel ist mein (beinahe) Schwiegervater. Man sieht das Leben in seinem Gesicht und die Freude am Leben in seinem Handeln. Man sieht und schmeckt sein praktisches Wissen, wenn er kocht oder wenn er im Garten werkelt. Er teilt seine Erfahrung und sein praktisches Wissen. Und man kann dies auch noch in vielen anderen Bereichen erleben.

Der “Experte”:
Reich an Worten, an wohlklingenden Formulierungen, kann er beim Vortrag dessen, was er aus seiner Glaskugel herausgelesen hat, meisterlich Vorhersagen treffen und absolute Sicherheit vermitteln.  Falsch-Vorhersagen liegen nicht an seinem fehlenden Wissen/Verständnis, sondern liegen in externen Ursachen, die nicht kalkulierbar oder denkbar waren, begründet.

Ein Beispiel sind Börsenwahrsager, Unternehmensplaner, (viele sogenannte) Social Media Experten und sonstige Gurus.

Die wenigsten Menschen, die ich bislang getroffen habe, sind sich der Zufälligkeit ihrer Vorhersagen bewusst. Oder gar der Größe ihres Nichtwissens. Diejenigen, die es sind und dennoch Vorhersagen treffen, sind Lügner. Und die meisten Unternehmensführer sehnen sich danach belogen zu werden. Und/Oder sich selbst zu belügen. Liegt doch der Erfolg des Unternehmens in ihrem Handeln begründet, Misserfolg jedoch in externen Ursachen.

Ich nehme mich nicht aus. Auch ich musste schon des öfters lügen. Musste völlig fiktive Zahlen präsentieren, als ambitionierte, doch erreichbare Ziel-Erwartungen. Oder Begründungen finden für zufällige Ereignisse, Fans, Follower, Klickraten oder Zugriffszahlen, die in den Keller oder durch die Decke gehen und für die es oft keine faktische Erklärung gibt.

Ja, es gibt Vermutungen, doch man will keine Vermutungen. Man will Begründungen. Denn Begründungen führen zur Wiederholbarkeit und Wiederholbarkeit von Erfolgen wird erwartet.

Applikation 1 hatte Erfolg X. Also kopieren wir Applikation 1 und erreichen wieder Erfolg X.

Narren! Narren, die auf geborgtem Glücks-Sand gehen und ihn sich in die Augen streuen, bis der Sand zu Treibsand wird. Je mehr ich in Blogs zum Thema “Social Media” und “Social Media Marketing” lese, desto mehr erhärtet sich mein Eindruck, dass ein großer Teil der Menschen, die sich mit diesem Thema befassen, dem Experten-Fehler zum Opfer fallen.

Der blinde Fleck scheint zuzuschlagen und Projektionen in die Zukunft basieren nur auf dem aktuellen Stand. Ein Fortschreiben von Entwicklungstendenzen der Vergangenheit wird zum Gradmesser zukünftiger Erwartungen. Das Dreikörperproblem wird nicht gesehen.

Oder mein Lieblingsbeispiel:

Wie genau kann ich die Position einer Billiardkugel auf dem Tisch vorhersagen? Wenn man den die Position einer angestoßenen Billardkugel nach dem neunten Banden-Kontakt berechnen will, muss die Schwerkraft, die eine am Tisch stehende 75kg schwere Person ausübt einberechnet werden.

Um theoretisch die Position nach 56 Kontakten zu berechnen müsste man alle Elementarteilchen des Universums mit in die Kalkulation einbeziehen. Soviel zur Vorhersagbarkeit bei unbelebten Körpern.

An belebte Körper, Gesellschaften, Menschen, die dem freien Willen unterliegen, wird hierbei gar nicht gedacht.

Also: Wie viele Follower habe ich morgen bei Twitter? Wie viele Mitglieder hat Facebook in einem Jahr? Und wie erfolgreich ist die nächste Social Media Kampagne?

Erfahrung und gesunder Menschenverstand kann einen relativ weit bringen, wenn es um Planung geht. Doch sollte man eigentlich immer davon Abstand nehmen, Pläne zu erarbeiten, die zu weit in die Zukunft reichen. Lieber kurz(fristig) planen um flexibel zu bleiben und reagieren zu können.

Eine 12-Meter Yacht kann eine Gefahrenhalse fahren – ein 400-Meter-Tanker nicht mehr.

ps.: Folge mir bei Twitter und ich hab zumindest einen Follower mehr. ;-)

Ping: Zitat des Tages

Heute gibt es nur einen Quicky. Naja so in der Art, aber nach einigen Artikeln zu Apple, Ping und dem Auftritt des messianischen Steve Jobs, kann ich mir das Posting des folgenden Zitats nicht verkneifen.

Steve Jobs spendiert iTunes jetzt ein kastriertes Social Network. Und fröhnt mehr als offensichtlich dem Wahn des Datensammlers. (Bild: marcopako / Lizenz: cc-by-sa)

Hier nun aber besagtes Zitat:

“Wenn Sie nicht wollen, dass Informationen über Sie von anderen eingesehen werden können, sollten Sie Ping nicht aktivieren.” (Gefunden von: spiegel.de)

Jul 23, 2010 - Multimedial, Texte    No Comments

Im Urlaub – Eine Woche Sport und Pause

Ja, endlich ist es wieder so weit. Ich habe Urlaub. Wenn auch nur eine Woche, so werde ich diese doch in vollen Zügen genießen. Auch wenn das Wetter wohl gerade nicht mitspielen will. Wie dem auch sei – eine Woche voller Sport, Erholung und Standby für den Kopf.

Auch wenn es nicht, wie auf diesem Bild, nach Ibiza geht, so wird der Urlaub doch sicherlich erholsam. Ich werde mich fünf Tage mit Rock 'n' Roll und vor allem mit Akrobatiken beschäftigen. (Bild: Ivo Schwalbe / Lizenz: cc-by-sa)

Vor allem die kommenden Tag in Rostock werden ein Erlebnis werden. “Rock ‘n’ Roll”-Lehrgang, mal sehen was mich erwartet. Ich bin ja was das RnR-Tanzen anbelangt noch ein echter Frischling. Also werde ich sehr wahrscheinlich am Ende der fünf Tage auf allen vieren kriechen und meine Wunden lecken. Mal wieder auf eine ganz andere Art “networken”.

Und zum Thema “Schmerzen” gibt es ja das schöne Motto:

“Ein Tänzer, der morgens ohne Schmerzen aufwacht, ist tot.”

Spaßig wird es trotzdem. Leider soll das Wetter nicht ganz so perfekt werden. Aber wer wird sich davon die Laune verderben lassen?

So und nun ist Urlaub! Ich wünsche allen Lesern eine entspannte und vor allem kreative Woche. Viel Spaß.

Leidenschaft: Nur wer brennt kann entzünden

Leidenschaft. Dieses Thema scheint erstmal am Schwerpunkt dieses Blogs vorbei zu gehen. Doch stimmt das wirklich? Was wäre eine Gesellschaft ohne Leidenschaft? Ohne Freude an dem, was man täglich tut? Wie will man andere Menschen für seine Ideen und Überzeugungen (oder als Firma: für seine Produkte) entzünden, wenn man selbst nicht brennt? Nicht voller Leidenschaft in dem aufgeht, was man tut?

Die Leidenschaft für eine Tätigkeit zeigt sich in allen Lebensbereichen. Nur wer leidenschaftlich begeistert ist, kann auch andere für seine Ideen/Produkte begeistern. (Bild: Nishanth Jois / Lizenz: cc-by)

Leidenschaft zu spüren ist etwas schönes. Du merken, dass jemand so sehr für seine Ideen oder Produkte brennt, dass es sich auch aus den kleinen Details herauslesen lässt. Jemanden zu erleben, der in die Details seiner Arbeit verliebt ist, ohne dabei die Wünsche des Kunden aus den Augen zu lassen.

Ich war vor wenigen Tagen erneut in Hamburg in einem Restaurant zum Essen, das ich ursprünglich eher durch Zufall entdeckt habe. Das Körri. Beim ersten Besuch hatte ich einen Groupon für ein 3-Gänge-Menü. Das Essen war perfekt. Perfektion bei der Bedienung, Perfektion in der Küche. Keine Abzüge, weder in der A-, noch in der B-Note. Daher also ein spontaner erneuter Besuch am Samstag. Doch wozu die Anekdote hier im Blog?

Ganz einfach. Das Körri ist ein Beispiel dafür, dass jemand für seine Leidenschaft brennt. Ein sehr guter Koch, der eine Idee hat und diese konsequent verfolgt und umsetzt. Eine Fleischerei, die ihm dabei hilft, gut geschultes Personal. Ein Genuß für den Kunden.

Übertragen wir dies auf das Internet. Welche Auftritte einer Firma im Netz (egal ob in sozialen Netzwerken, oder als eigene Homepage), sind es, die uns begeistern? Welche Kampagnen der Werber sind es, die uns im Gedächtnis bleiben? Meistens sind es die wirklich gut gemachten Auftritte/Kampagnen, die kreativen, überraschenden, diejenigen, bei denen man als (potentieller) Kunde die Leidenschaft für die Sache fühlen kann.

Ein Beispiel kann die Olympus Pen Story sein:

Hier fühle ich die Begeisterung der Menschen, die dahinter stehen. Wie geht es Euch? Begeistert Euch das Video? Welche Kampagnen/Seiten/Auftritte sind es, die es Euch angetan haben. Was bringt Euch zum brennen? Eure Meinung in den Kommentaren würde mich sehr interessieren.

PS.: Ihr könnt mir auch auf Twitter folgen.

Jun 15, 2010 - Multimedial, Social Media    No Comments

“Schland oh Schland” – Die Macht sozialer Medien

“Schland oh Schland” ist der Web2.0-WM Hit 2010. Auch als Mensch, der dem Gekicke um einen runden Ball nicht wirklich viel abgewinnen kann, freue ich mich über den Erfolg von “Uwu Lena“.

"Schland oh Schland" ist der WM-Hit im Web2.0 - und führt Uwu lena zum Plattenvertrag (Screenshot: YouTube)

Die Jungs von “Uwu Lena” hatten den Song innerhalb einer Stunde eingespielt, inspiriert vom Erfolg Lenas beim “Eurovision Song Contest”. Dazu das Video, aufgenommen in einem Park bei Münster, nur zusammen mit Freunden.

Man hatte offensichtlich weder das Hype-Potential des Liedes, noch die schnelle Verbreitung im Netz kalkuliert. Daher war wohl auch die Reaktion der Rechteinhaber etwas überraschend. Überraschend war auch nicht, wie laut Medienberichten EMI erstmal reagiert hatte.

“Der Musikverlag, der die Rechte an “Satellite” hält, reichte eine Einstweilige Verfügung gegen Uwu Lena ein.” (Quelle: laut.de)

Stefan Raab hingegen bewies, zusammen mit Universal, Humor – der Macher von Lenas Oslo-Erfolg will auch die Studenten aus Münster produzieren. Ein Plattenvertrag für die Jungs und “Schland oh Schland” kann nun auch offiziell gegen die anderen WM-Songs antreten.

Ich hätte eigentlich erwartet, dass trotz eindeutigem Viral- und Hitpotential der Song von der Bildfläche verschwindet. EMI zeigte ja auch, dass die Reaktionen der Labels noch immern ach dem alten Muster funktionieren. Doch die Reaktionen der Fans in den sozialen Netzwerken scheinen zumindest auf Raab und Universal so viel Eindruck gemacht zu haben, dass sie versuchen wollten neben einem Web2.0-Erfolg auch einen kommerziellen Erfolg zu landen.

Das Verbot des Videos durch EMI hatte jedenfalls nur zu einer Vielzahl illegaler Kopien bei YouTube geführt. Wer der Hydra im sozialen Netz einen Kopf abschlägt sorgt so sehr schnell für das Nachwachsen vieler Köpfe. Via Twitter, Facebook und in vielen Blogs verbreiteten sich die Neuigkeiten und die Videokopien jedenfalls rasend schnell.

Der geistige Vater von “Unser Star für Oslo”, Stefan Raab, zeigte sich schon früh begeistert von dem Song. Auf tvtotal.de erklärte er:

“Ich finde es super und möchte, dass die Jungs einen Plattenvertrag bekommen!”

Das ist nun geschehen und auch ein Nicht-Fußballfan kann sich über den Web2.0-WM2010-Hit freuen.

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