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Das Streben nach Glück: Ersetzen sie Geld durch Follower

“Das Streben nach Glück” bestand lange Zeit im “Streben nach Geld”. Heute erscheint es vielfach als “Das Streben nach Followern”.

Geld macht nicht glücklich. Aber machen Follower glücklich? (Bild: Chi King / Lizenz: cc-by)

“Geld mach nicht glücklich – aber es beruhigt.” Stimmt. Es gibt einen gewissen Grundstock an Sicherheit, den man sich mit Geld “erkaufen” kann. Die Sicherheit, wie ich morgen mein Essen bezahle, meine Miete, das Futter für die Kater. Die Sicherheit, ab und zu am sozio-kulturellen Leben teilzunehmen. All dies bietet mir Geld.

Damit wären dann die unteren beiden Stufen der Maslow’schen Bedürfnispyramide erfüllt.

Doch ist dies der Grund dafür, dass Menschen über mehrere Generationen ihre Hauptmotivation darin gefunden haben, nach immer mehr Geld zu streben. Hier kommt die vierte Ebene der Pyramide ins Spiel. Geld galt als Substitut für Macht und Einfluss.

Wer viel Geld hat, der ist auch geil. Geil ist geil sozusagen. Ein sich selbst verstärkendes System, ein Perpetuum Mobile, mit uns als den Hamstern im Rad.

Scheinbar wird genau dieses Streben nach Geld heute vielfach abgelehnt. Auch wenn das Fernsehen noch immer die wenigen Stars mit ihren Millionen-Villen, Jachten und Goldkettchen vorführt. Oder mit der Aussicht auf einen Plattenvertrag Menschenmassen auf dem Weg zu vermeintlichem Star-Ruhm vorführt.

“Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die mit 60 Jahren zehnmal so reich sind, als sie es mit 20 waren. Aber nicht einer von ihnen behauptet, er sei zehnmal so glücklich.” (George Bernard Shaw)

Twitter makes the world go round

Heute strebt man nach Anerkennung, danach etwas “auszurichten”. Danach, für sein Wissen anerkannt zu werden und irgendetwas in dieser Welt zu bewegen. Und seien es nur 140 Zeichen.

Dies entspräche auf den ersten Blick entweder der dritten Stufe der Maslow’schen Pyramide, oder der fünften – und obersten – Ebene: Der Selbstverwirklichung.

Doch was verwirklicht sich auf Twitter und den anderen sozialen Netzwerken. Ist es ein Selbst, oder eine “personal brand”, die dort erschaffen wird. Und sind wir dann nicht nur noch Marken in einem Marketing-Pool?

Twitter ist das Medium des Informationshäppchen-Austauschs auf 140 Zeichen. ThreeWords ist das Medium des emotionalen Egoficks. Zumindest erhoffen sich die Nutzer diesen Effekt. Beschreibe mich doch in drei Worten.

Bin ich wirklich nicht mehr wert als 3 verdammte Begriffe? Reichen drei Worte aus um die Komplexität einer Persönlichkeit zu erfassen? Auch für Außenstehende? Es geht hier ja nicht um eine Selbstbeschreibung, sondern um eine Zuschreibung. Lasse ich mir mein Selbst also durch subjektive Außenwahrnehmungen definieren?

Und wenn ja, welche Definitionshäppchen könnten es denn sein, wenn man menschliche Komplexität einbezieht? Und, und, und? Oder, oder, oder? Auch, auch, auch?

Nein, heute streben wir nicht nach Geld – wir behaupten, nach Relevanz zu streben. Und damit fast zwangsläufig verbunden nach größerer Reichweite. Mehr Menschen sollen uns zuhören, sollen unsere messianischen Botschaften hören und uns auf Twitter folgen. Folgt mir meine Schäfchen, denn ich bringe Euch die frohe Botschaft.

Doch bin ich Schaf oder Schäfer? Führe ich, oder werde ich (zur Schlachtbank) geführt? Kann man diese Rollen überhaupt noch trennen? Schlachtbank für unser Privatleben, heißt heute “social layer”.

The social layer, connecting people across application and organizational silos, will enable organizations to solve business problems and get business value.” (Quelle: Social Text)

Konnte ich mich früher in meine vier Wände zurückziehen, wenn ich das wollte, heute erwarten mich dort in der ersten Schlachtreihe Twitter- und Facebook-Accounts. Formspring, Xing, meinVZ  und Co. stehen in zweiter Reihe um ihre Angriffe auf meine Lebensdaten zu starten.

Ich bin “Humankapital”

Laut einer aktuellen “Experten”-Schätzung bin ich knapp 100 $ wert. Wieso? Facebooks Wert wird auf 50 Milliarden US-Dollar geschätzt. Facebooks wichtigstes Asset sind seine Nutzer. Ohne die wäre das Unternehmen keinen Cent wert. Bei gut 500 Millionen Nutzern entspricht dies einem Wert pro Nutzer von rund 100 Dollar.

100 Dollar für den perfekten Datenstrip? Dafür sollte der Lapdance schon wirklich heiß sein.

A: “But why is that good? Am I actually going to enjoy myself more?”
B “You’ll be a bigger person. More people can appreciate who you are more often.”
A: “Don’t you think the need to be a quote- unquote bigger person leads to unhappiness and anxiety?”
B: “I think it’s more likely to lead to happiness than material possessions, than the pursuit of more wealth.”
A: “But isn’t it precisely the same as the pursuit of more wealth? It’s just replacing money with followers.”
B: “Yes it is. But don’t reduce it to a number.”
(Quelle: The Viral Me)

Mein Ziel ist es nicht, den Untergang der Welt zu beschwören – oder gar von der “guten, alten Zeit” zu fabulieren. Auch bin ich mir meiner Rolle in diesem Spiel selbst sehr wohl bewusst. Ich versuche nur ab und zu zum “Beobachter 2ter Ordnung” zu werden, um mir selbst vor Augen zu führen, in welchen Systemen unsere Welt heute funktioniert. Und welche Strukturen dem augenfälligen Schein dieser Systeme zugrunde liegen.

Ich versuche auch nicht einfache Lösungen zu präsentieren. “Facebook ist der Teufel”, wäre eine solche Lösung. Doch wäre ich nichts weiter als ein Prediger, ein Scharlatan, würde ich für einfache Lösungen plädieren.

Die Welt ist komplex und die modernen Kanäle (initiiert von Unternehmen, die Geld selbst nichts anderes als Geldverdienen wollen) legen nur weitere Komplexitäts-Ebenen über diese Welt. Jeder sollte sich nur bewusst sein, was diese Dinge für sein eigenes Leben bedeuten, welchen subjektiven Wert sie haben und, welche subjektiven Kosten sie erzeugen.

Ich freue mich, wenn ihr meinem RSS-Feed folgt und mit mir diskutiert.

Nov 1, 2009 - Gesellschaft    No Comments

Mythos Geld

Es gibt einen sehr alten Mythos: Geld gewinnt Wahlen – zumindest in den USA

New York City/Quelle: Paulo Barcellos Jr. via wikipedia

“Die Grundlage für Bloombergs kaiserliche Regentschaft ist Geld”, schimpft das “New York Magazine”, “Bloomberg besitzt diese Stadt”. Auch der “New Yorker” mokiert sich: “Er wirkt eher wie ein Medici als ein Bürgermeister.” (Quelle und mehr auf: spiegel.de)

Sowohl in der amerikanischen, als auch (im Fall von spiegel.de) in der deutschen Presse ist immer wieder der Mythos zu lesen, Geld gewinne die Wahlen. Zumindest in den USA. Ohne hier zu sehr ins Detail gehen zu wollen muss die Frage erlaubt sein, ob dem so ist.

Der Ökonom Stephen J. Dubner (Link: englische Wikipedia) bezweifelt diese These in seinem empfehlenswerten Buch “Freakonomics: A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything” (Link englische Wikipedia). Dubner behandelt hier die Frage, ob es wirklich einen kausalen Zusammenhang zwischen dem investierten Geld des Kandidaten und dem Wahlergebnis gibt.

In this, they disprove the widely-held truism that ‘money buys elections’. [...] They dispute the commonly held assumption that the spending causes the win. Instead they point out that anticipated win – or possible win – will often attract the campaign money. When candidates obtain large amounts of money it is usually because they are seen to be the best candidate or the one mostly likely to win. Based on Levitt’s study of campaign spending by the same candidates against the same competitors over decades of US congressional elections, it was found that ‘the amount of money spent by the candidates hardly matters at all. A winning candidate can cut his spending in half and lose only 1% of the vote. Meanwhile, a losing candidate who doubles his spending can expect to shift the vote in his favor by only that same 1%’. The Freakonomics authors conclude that campaign spending has a very small impact on election outcomes, regardless of who does the spending. (Quelle: Bryce Edwards)

Aus der oben aufgeführten Sichtweise ergibt sich also, dass die Grundaussage des Artikels auf spiegel.de nicht zwangsläufig den objektiven Tatsachen entspricht, sondern viel mehr einem gefühlten Wissen entspricht. Hier wäre ein tieferer Einstieg in die Materie empfehlenswert gewesen. Dennoch muss man sagen, dass der Beitrag die Person Michael Bloombergs gut abbildet und als Kurzportrait sicherlich zu empfehlen ist.