Immer wieder die gleiche Diskussion: Eine tränenrührige Geschichte wird zum Anlass genommen einen Link immer und immer weiter zu verbreiten. Naiv sage ich. Aber die Geschichte ist doch so nett.

Hinterfragt man kritisch die "netten" Themen im Netz, kommt gern mal der Blogger-Mob zur Lynchjustiz vorbei. (Bild: Robert Couse-Baker / Lizenz: cc-by)
Bei “nett” schicken wir unser Hirn in Urlaub
Schon sehr, sehr lange gibt es in den VZ-Netzwerken eine gruppe Namens “Nett ist der kleine Bruder von Scheiße”. Und diese Gruppe drückt all das aus, was sich meiner Meinung nach hinter “nett” verbirgt. Denn eine nette Geschichte, ein bisschen Dramatik, rührselige Emotionen und ein heldenhafter Helfer – mehr braucht es nicht. Das sind die Zutaten für eine Geschichte mit Viralitäts-Potential. Zutaten für das Abschalten des Gehirns beim Leser (falls vorhanden).
Aktuelles Beispiel: Eine in Neuseeland gefundene Kamera (man beachte die Kommentare).
Die Links werden geteilt, getwittert und es wird dazu aufgerufen es dem Linkspammer gleich zu tun. Kettenbrief-Links für einen guten Zweck. Und manchmal ist der dahinterliegende Sinn auch jener gute Zweck.
Eine ähnliche Diskussion hatte ich heute bei Twitter. Es ging um die gelöschte Wikileaks-App im App-Store. Klar, angeblich sollten die Hälfte der Einnahmen gespendet werden. Gute Idee, oder?
Und wie viel wäre durch die andere Hälfte in die Taschen der Entwickler geflossen, die so mit kostenlosen Inhalten gut verdient hätten? Aber nein, so einen “netten”, guten Zweck darf der böse App-Store nicht löschen.
Sowas zeigt nur wieder, wie verdorben der Konzern mit dem Apfel-Logo wirklich ist. Ein Hort der Zensur. Da muss gleich die Blogger-Polizei kommen und Steve Jobs auf die Finger klopfen (oder eben Zensur rufen).
Kritiker werden gelyncht
Blicke ich beim verlinkten Beispiel in die Kommentare, dann erscheint vor meinem inneren Auge ein Bild: Das Bild eines Lynchmobs aus dem Mittelalter.
Wie kann man sich nur als hinstellen und den heiligen Glauben an “nett” hinterfragen. Ab auf den Scheiterhaufen mit dem Ketzer.
Ist eine Geschichte “nett”, so muss sie wahr sein. So handelt das Netz. Die Netzbewohner zeigen damit eine hohe Lernresistenz, dass es mich schaudern lässt. Die Zukunft des aufgeklärten “Homo Connectus” sieht düster aus.
Wenn wir im Netz wirklich so funktionieren, sehe ich nur eine Chance für mich: Ins Marketing gehen und “Nettes Marketing” zu betreiben. Es scheint ja zu funktionieren.
Kritische Fragen unerwünscht
Haben wir denn wirklich verlernt kritisch zu hinterfragen? Haben all die Lehrer Erfolg gehabt, die unsere Fragen mit Sätzen wie “Das ist halt so!” beantwortet haben? Haben unsere Politiker Erfolg, wenn sie daran glauben, dass wir am Wahltag nicht mehr wissen, was sie vier Jahre lang getan haben? Und haben uns all die Nigeria-Scams rein gar nichts lernen lassen?
Wir lassen uns von der netten, bunten Welt der sozialen Netze offensichtlich einhüllen. Einhüllen in einen wohlig warmen und weichen Kokon, der uns suggeriert, hier gäbe es nur Freunde. Und Freunde hinterfragt man nicht.
Meine Meinung über die Intelligenz der Masse wird im Netz von Tag zu Tag erneut (negativ) bestätigt. Mit jedem kritiklos und naiv geteilten Link begeht die Netzgemeinde in meinen Augen Glaubwürdigkeits-Selbstmord.
Was meint Ihr? Sehe ich hier zu schwarz? Bin ich auf dem falschen Gleis? Diskutiert mit mir in den Kommentaren. Oder auf Twitter.