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Aug 10, 2010 - Gesellschaft, Social Media    3 Comments

Soziale Netzwerke: Freundschaft wird überbewertet

Der Begriff der Freundschaft erscheint in Zeiten sozialer Netzwerke überstrapaziert. Das Zeichen scheint unklar zu werden. Vielleicht ist es Zeit für eine neue Sprachregelung in sozialen Netzwerken.

Papageien bei der Gefiederpflege. Ein Symbol für freundschaft zwischen Tieren. Kann für unsere Gesellschaft ein einzelner Begriff für die unterschiedlichen Dimensionen von Beziehungen/Kontakten ausreichen? (Bild ^riza^ / Lizenz: cc-by)

Was bedeutet Freundschaft? Was verbinden Menschen damit, wenn sie die Lautfolge hören oder die Buchstabenfolge lesen? Selbst für den einzelnen Menschen bedeutet der Begriff oft Unterschiedliches. Der Begriff wird facettenreich und uneindeutig. Zum Signifikant gesellen sich unterschiedliche Signifikate. Das Zeichen gewinnt auf diese Art zwar neue Bedeutungs-Dimensionen, wird aber uneindeutig. Letzteres wird für die Kommunikation zum Problem.

Tina Klopp schreibt im Blog “Kulturkampf” auf zeit.de:

“Wer kümmert sich eigentlich im analogen Leben um all die armen Seelen, die Freundschaft nicht von Bekanntschaft unterscheiden können, die sich auf Weihnachtsfeiern zum Löffel machen oder bei geöffnetem Fenster so laut und peinlich streiten, bis sie endlich bemerken, dass das Kichern aus der Nachbarwohnung ihren Worten gilt?”

Ich glaube, dass es weniger darum geht, dass Menschen, die sich stark in sozialen Netzwerken bewegen diese Unterscheidung nicht treffen könnten. Ich glaube es geht hier viel mehr um einen blinden Fleck bei denjenigen, die rein negativ-kritisch an das Thema herangehen. Negativ-kritisch deswegen, weil sie einen Zustand beklagen, ohne Lösungen vorzuschlagen. Es ist leider das alte Lied: “Video killed the radio star.” Oder: “Der Roman verdirbt die Jugend.

So schreibt der ehemalige Yale-Professor und Literaturkritiker William Deresiewicz in “The Chronicle of higher Education”:

“We have given our hearts to machines, and now we are turning into machines. The face of friendship in the new century.”

Seinen Text lesend, erschrecke ich über die Eindimensionalität, mit der ein ehemaliger Professor für Literatur ein derartiges Phänomen verurteilen kann. Mit welcher Ignoranz eine gesellschaftliche Entwicklung ausgehend von klassischen Freundschaftsidealen, über christliche bis hin zu modernen gezeichnet wird, ohne dabei einzugestehen, dass es schon immer unterschiedliche Modelle von Freundschaft gab, die friedlich koexistiert haben.

Die meisten Aussagen wiederholen sich.

Ein konstruktiver Umgang fehlt leider oft. Wieso denkt man nicht darüber nach das Listenfeature bei Facebook zu erläutern. Eine Möglichkeit seine Statusupdates nur bestimmten Gruppen aus dem “Freundeskreis” zukommen zu lassen. Oder eben einzelne Personen/Gruppen als Empfänger auszunehmen.

Oder man versucht einen neuen Begriff für die Form der Web2.0 Freunde zu finden. Kontakte beispielsweise ist nicht derart emotional aufgeladen, so dass Missverständnisse hier seltener zu erwarten wären. Man könnte auch den Wunsch äußern, dass soziale Netzwerke unterschiedliche Freundschaftskategorien anbieten, zu denen man seine Kontake zusortieren kann. Die Anzeige könnte ja auf Wunsch trotzdem in einem einheitlichen Freunde-Pool erfolgen.

Jeder, der einen Freund registriert in einem Netzwerk müsste sich durch die Eingabe einer “Gruppenzugehörigkeit” Gedanken darüber machen, wie viel er diesem Menschen von sich preisgeben will.

Das Problem der Nutzer, die sich nicht bewusst sind, wie viel sie wem von sich zeigen, würde dadurch verringert.

In ihrem Buch “Rethinking Friendship: Hidden Solidarities Today” (Amazon Partnerlink) haben Liz Spencer und Ray Pahl acht verschiedene Typen der Freundschaft, basierend auf ihren Untersuchungen, identifizieren können. Ich versuche mich an einer Übertragung der Kategorien von Spencer/Pahl:

Sozii sind Menschen, mit denen ich gemeinsame Aktivitäten teile. Mein Hobby oder Sport beispielsweise
Nützliche Kontakte haben mit mir Informationen geteilt, meist auf die Arbeit bezogen
Gefällige Bekannte haben ausgeholfen. Vor allem im Sinn von nicht-emotionaler Hilfe
Gesellige Bekannte sind Freunde, mit denen man weggeht, sozialisiert und Spaß hat, die mir aber nciht auf tiefgründig-emotionalem Level bekannt sind
Hilfsbereite Freunde sind eine Kombination aus den beiden vorigen Kategorien
Tröstende Freunde sind wie “Hilfsbereite Freunde”, bieten aber auch emotionale Unterstützung
Vertrauenspersonen teilen auch sehr persönliche Informationen, genießen die Gesellschaft des anderen, sind aber nicht zwangsläufig immer verfügbar, weil sie möglicherweise weit weg leben
Seelenverwandte zeigen all die obigen Eigenschaften
Vielleicht wird durch einer derartige Einteilung ein produktiverer und sicherer Umgang Kontakten im Netz ermöglicht. Gerade in Netzwerken, in denen viele Kinder und Schüler unterwegs sind, sollte eine derartige Kategorisierung (natürlich mit verständlicher Erklärung) vorhanden sein. Schon um auf die Problematik aufmerksam zu machen.
  • Sozii sind Menschen, mit denen ich gemeinsame Aktivitäten teile. Mein Hobby oder Sport beispielsweise
  • Nützliche Kontakte haben mit mir Informationen geteilt, meist auf die Arbeit bezogen
  • Gefällige Bekannte haben ausgeholfen. Vor allem im Sinn von nicht-emotionaler Hilfe
  • Gesellige Bekannte sind Freunde, mit denen man weggeht, sozialisiert und Spaß hat, die mir aber nicht auf tiefgründig-emotionalem Level bekannt sind
  • Hilfsbereite Freunde sind eine Kombination aus den beiden vorigen Kategorien
  • Tröstende Freunde sind wie “Hilfsbereite Freunde”, bieten aber auch emotionale Unterstützung
  • Vertrauenspersonen teilen auch sehr persönliche Informationen, genießen die Gesellschaft des anderen, sind aber nicht zwangsläufig immer verfügbar, weil sie möglicherweise weit weg leben
  • Seelenverwandte zeigen all die obigen Eigenschaften

Vielleicht wird durch einer derartige Einteilung ein produktiverer und sicherer Umgang Kontakten im Netz ermöglicht. Gerade in Netzwerken, in denen viele Kinder und Schüler unterwegs sind, sollte eine derartige Kategorisierung (natürlich mit verständlicher Erklärung) vorhanden sein. Schon um auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Was meint Ihr? Brauchen wir eine andere Sprachregelung im Netz – zumindest für all die “Digital Immigrants“? Ich freue mich auf Eure Kommentare.

Erneut massives Datenleck bei schuelerVZ

Trotz umfangreicher Maßnahmen, die ein maschinelles Auslesen von Profilen verhindern sollten, sind rund 1,6 Millionen aktive  Schüler-Profile im sozialen Netzwerk offen gelegt worden. Das Vertrauen in die Sicherheit unserer Schülerdaten schwindet.

schuelerVZ hat erneut ein massives Datenleck (Quelle: Screenshot schuelerVZ)

Die Anzahl von 1,6 Millionen Datensätzen entspricht etwa 30 % aller Mitglieder bei schuelerVZ. Netzpolitik berichtet, wie das Datenleck trotz verschärfter Sicherheitsmaßnahmen zustande kommen konnte:

“Die meisten Nutzer sind in Gruppen angemeldet. Man kann Basisinformationen von Profilen über eine Gruppenmitgliedschaft abrufen, auch wenn die Profile auf privat gestellt sind. Die Basisinformationen enthalten Name, Schule, Schul-ID-Nummer und Link zum Bild. Nachdem diese Methode (nahezu) ausgereizt war, wurden dann weitere Profilen per “Freundesliste” mit einem zweiten Crawler abgegrast.” (Quelle: netzpolitik.org)

Gefahr größer als bei Facebook

Vermeintlich ist das Problem um ein Vielfaches geringer als beim Konkurrenten Facebook. Da es sich jedoch um vorwiegend minderjährige Nutzer im Netzwerk von schuelerVZ handelt, muss deren Schutz entsprechend höheren Anforderungen genügen. Gerade junge Schüler sind sich der Gefahren von offenen Profilen nicht in dem Maß bewusst, wie Jugendliche oder Erwachsene. Dies zeigen die Erfahrungen mehrerer Trainer, die in Schulen gehen, um die Schüler von den Gefahren zu unterrichten.

“Das Problem betrifft alle Netzwerke von VZ – denn alle basieren auf dem gleichen Code. [...] Auf SchülerVZ traf meine Wahl, weil es hier besonders wichtig ist, die Daten der minderjährigen Nutzer zu schützen.” (Florian Strankowski von der Leuphana-Universität Lüneburg, im Interview mit netpolitik.org)

Immerhin sind die Daten nicht an eine kriminelle Öffentlichkeit gelangt:

“Wir haben SchülerVZ gestern über den Datensatz und die Sicherheitslücken informiert. Und anschließend unsere Daten gelöscht. Unser Informant hat uns dies auch zugesagt.” (Quelle: netzpolitik.org)

Ein Hintergrund-Interview mit dem Entdecker der Sicherheitslücke liefert netzpolitik.org auch. Interessant und vor allem erschreckend ist hier die (fehlende) Reaktion von Seiten der VZ-Gruppe:

“In zwei Mails habe ich in den vergangenen Wochen die VZ-Gruppe auf Sicherheitslücken hingewiesen und meine Hilfe angeboten. Auf beide Mails habe ich keine Reaktion erhalten.” (Florian Strankowski von der Leuphana-Universität Lüneburg, im Interview mit netpolitik.org)

Update:

Die Krisen-PR des Unternehmens scheint allerdings nach dem Motto “kleinreden” zu funktionieren. Betrachtet man die ausführlichen, oben zitierten Artikel, so erscheint folgendes Zitat als Farce:

“Nach unserem Kenntnisstand hat der Nutzer, ein junger Wissenschaftler, Hunderte von  künstlichen Email-Accounts verwendet, um den Kopierschutz von öffentlichen Daten zu umgehen. Nach aktuellem Kenntnisstand handelte es sich hier um ein sogenanntes „Crawling“, das in etwa vergleichbar ist mit dem Kopieren von Daten aus dem Telefonbuch.” (Quelle: VZBlog)

Okt 31, 2009 - Gesellschaft, Social Media    1 Comment

Wahrscheinlich, aber vorschnell

SchülerVZ-Tatverdächtiger begeht wahrscheinlich Selbstmord

JVA Plötzensee/Quelle: ThoKay via wikipedia

Mehere Medien berichten vom vermeintlichen Selbstmord des Tatverdächtigen in der JVA Plötzensee. Dem entgegen steht lediglich die Bestätigung, dass sich ein (sic!) 20-jähriger Insasse vermutlich das Leben genommen hat.

Der wegen der SchülerVZ-Erpressung Tatverdächtige, ein 20 Jahre alter Mann aus Erlangen, hat in der Jugendstrafanstalt Plötzensee Selbstmord begangen. Das bestätigte ein Sprecher der Justizverwaltung gegenüber dpa. (Quelle: netzpolitik.org)

Von einem Sprecher der JVA Plötzensee wurde egenüber der dpa jedoch lediglich bestätigt, dass ein 20-jähriger Insasse der Haftanstalt wahrscheinlich Selbstmrd begangen habe. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um besagten Datendieb handelt. Dennoch ist diese eindeutige Festlegung zu einem frühen Zeitpunkt nicht hundertprozentig richtig.

Der Sprecher der Justizverwaltung, Bernhard Schodrowski, bestätigte der dpa auf Anfrage den Selbstmord eines 20-Jährigen in Plötzensee. Zu weiteren Einzelheiten wollte er sich nicht äußern. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte, es sei “ein 20-jähriger Insasse tot aufgefunden worden. Die Umstände sprechen für einen Suizid.” (Quelle: spiegel.de)

Der Tatverdächtige hatte über eine Million Nutzerprofile bei schuelerVZ gestohlen und versucht die VZ-Gruppe zu erpressen.

Eine traurige Geschichte. (Quelle: netzpolitik.org)

Der Tod eines jeden Tatverdächtigen in einer JVA, vor allem der Selbstmord ist natürlich nicht positiv zu sehen. Dennoch ist diese Wertung imho fragwürdig. Traurig wäre meiner Meinung nach, wenn die Daten tatsächlich auf dem “freien Markt” gelandet wären und aufgrund dessen einem der schuelerVZ-ler etwas passiert wäre.

— Update: —

Wie zu erwarten war, hat sich die Meldung bestätigt. Nichts desto trotz sollte imho in seriösen Meldungen bei einer fehlenden eindeutigen Bestätigung, immer auch der Zweifel herauszulesen sein. Und das nicht erst im letzten Absatz.