Das Ende der Dinge

Eine fiktive Kurzgeschichte über die letzte Reparatur

Die Werkstatt von Heinrich Tamsen roch nach Maschinenöl und kaltem Kaffee. Seit 1987 hatte er hier Fernseher repariert, später Computer, dann Smartphones. Jetzt saß er vor einer Kaffeemaschine und starrte auf den Bildschirm seines Diagnosegeräts.

„Kann man da was machen?" Frau Petersen stand in der Tür, die Hände in den Taschen ihrer Strickjacke vergraben. Die Maschine hatte sie vor drei Jahren gekauft. Zweihundertvierzig Euro, nicht gerade billig.

Heinrich schüttelte den Kopf. „Das Heizelement ist durch. Eigentlich ein Fünf-Euro-Teil."

„Eigentlich?"

„Der Chip will es nicht." Er drehte den Monitor zu ihr. Eine Meldung leuchtete in sattem Rot: UNAUTHORIZED COMPONENT DETECTED. DEVICE LOCKED. CONTACT MANUFACTURER.

„Das heißt?"

„Das heißt, die Maschine erkennt, dass ich ein neues Heizelement eingebaut habe. Und weil das nicht vom Hersteller signiert ist, verweigert sie den Dienst."

Frau Petersen runzelte die Stirn. „Aber es ist meine Maschine."

Heinrich lachte trocken. „Das dachte ich auch mal. Von meiner."

Draußen zog ein selbstfahrender Lieferwagen vorbei. Drohnen summten über den Dächern. Die Zukunft war angekommen, sie sah nur anders aus als versprochen.

„Früher", sagte Heinrich und goss sich den letzten Rest Kaffee ein, „früher konnte ich einen Fernseher zerlegen, das kaputte Teil finden, ein neues einlöten, fertig. Dauerte manchmal Stunden, aber am Ende funktionierte das Ding wieder."

„Und heute?"

„Heute ist jedes Gerät ein kleiner Computer. Und jeder Computer hat eine Wächtersoftware, die aufpasst, dass du nichts machst, was dem Hersteller nicht passt."

Er griff nach einem Tablet auf seiner Werkbank. „Letzte Woche: Waschmaschine, Familie aus Harrislee. Display kaputt. Zwölf Euro das Teil, wenn man es bei den üblichen Händlern bestellt. Aber die Maschine akzeptiert nur Originalteile mit Herstellersignatur. Und die gibt es nicht einzeln. Nur als ‚Service-Paket' für dreihundertneunzig Euro, Installation nur durch zertifizierte Techniker."

„Das ist doch..."

„Absicht. Ja." Heinrich stellte die Tasse ab. „Man nennt das ‚Parts Pairing'. Die Geräte werden so gebaut, dass Ersatzteile ohne Herstellersegen nicht funktionieren. Offiziell geht es um Sicherheit und Qualität. Praktisch geht es darum, dass du entweder bei denen kaufst oder gar nicht."

Frau Petersen setzte sich auf den alten Bürostuhl neben dem Eingang. Der quietschte protestierend unter ihrem Gewicht.

„Mein Enkel hat mir erzählt, dass er seine Bücher nicht mehr verleihen kann. Die auf dem E-Reader."

Heinrich nickte. „Kann er nicht. Darf er nicht. Technisch gesperrt und rechtlich verboten. Es gibt ein Gesetz, Paragraph 108b Urheberrechtsgesetz, das macht es zur Straftat, solche Sperren zu umgehen. Bis zu einem Jahr Gefängnis für Privatleute. Wer gewerbsmäßig handelt – also zum Beispiel ein Reparateur wie ich – riskiert bis zu drei Jahre."

„Das klingt..."

„...absurd. Ist es auch. Menschen haben Bücher verliehen, seit es Bücher gibt. Länger als es Verlage gibt. Länger als es Papier gibt. Aber jetzt ist es auf einmal illegal."

Er stand auf und ging zum Fenster. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite leuchtete ein Schild: PREMIUM-REPARATUR – AUTORISIERTER SERVICE – FAIRE PREISE. Die Werkstatt hatte vor einem Jahr aufgemacht, betrieben von einer Tochtergesellschaft desselben Konzerns, dessen Geräte sie reparierte.

„Die machen gute Geschäfte", sagte Heinrich. „Sie haben den Schlüssel, ich nicht."

„Und was ist mit dem Gesetz? Kann man da nichts machen?"

Heinrich zuckte mit den Schultern. „Es gibt Leute, die kämpfen dagegen. Seit Jahren. Aber die Hersteller haben gute Lobbyisten und tiefe Taschen. Und die meisten Menschen merken es ja nicht mal. Es passiert schleichend. Der Toaster, der nur noch bestimmtes Brot akzeptiert. Der Drucker, der fremde Tinte verweigert. Das Auto, dessen Software-Update plötzlich Funktionen sperrt, die man beim Kauf noch hatte."

Er drehte sich vom Fenster weg.

„Theoretisch bin ich als Privatmann straffrei, wenn ich nur für mich selbst bastle. Aber sobald ich es als Dienstleistung anbiete – gewerbsmäßig, wie es im Gesetz heißt – wird es ernst. Und selbst wenn keine Strafe droht, kann der Hersteller immer noch Schadensersatz verlangen."

Er ging zurück zur Werkbank und klappte das Gehäuse der Kaffeemaschine zu.

„Vor zwanzig Jahren hab ich einen Aufsatz gelesen, von einem Juristen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Blackstone hieß er. Er definierte Eigentum als – Moment, ich hab das irgendwo..."

Heinrich wühlte in einem Stapel Papiere und zog ein zerknittertes Blatt hervor.

„Hier: ‚Das Recht auf Eigentum, jene alleinige und unumschränkte Herrschaft, die ein Mensch über die äußeren Dinge der Welt beansprucht und ausübt, unter vollständigem Ausschluss des Rechts jedes anderen Individuums im Universum.'"

Er ließ das Blatt sinken.

„Alleinige und unumschränkte Herrschaft. Das war mal die Definition von Besitz. Heute? Heute besitzt du ein Nutzungsrecht. Widerrufbar. Einschränkbar. Abhängig von den Launen eines Konzerns in einem anderen Land."

Frau Petersen stand auf. „Und meine Kaffeemaschine?"

„Kann ich nicht reparieren. Nicht legal. Nicht so, dass sie danach noch funktioniert."

Sie griff nach der Maschine, dann hielt sie inne. „Was kostet eine neue?"

„Dreihundert Euro. Oder sie nehmen das Abo-Modell. Zehn Euro im Monat, dafür schicken sie Ihnen regelmäßig Kaffee und reparieren kostenlos, wenn was kaputt geht."

„Zehn Euro im Monat. Für eine Kaffeemaschine."

„Willkommen in der Zukunft." Heinrich öffnete ihr die Tür. „Sie haben nicht nach der Alternative gefragt."

Frau Petersen drehte sich um. „Gibt es eine?"

Heinrich deutete auf seinen alten Kaffeekocher, der auf einer Heizplatte stand. Einfaches Glas, Metallfilter, keine Elektronik.

„Zwölf Euro. Seit 1992. Funktioniert immer noch."

Als die Tür hinter ihr zufiel, setzte sich Heinrich wieder an seine Werkbank. Vor ihm lag die Kaffeemaschine, unbenutzbar, aber technisch intakt. Daneben ein Stapel ähnlicher Geräte: ein Staubsauger, dessen Motor ausgetauscht werden müsste. Ein Rasierer, dessen Akku leer war. Ein Thermostat, das ein Software-Update erhalten hatte, das die manuelle Steuerung entfernte.

Er könnte sie alle reparieren. Das Wissen hatte er, die Teile konnte er beschaffen. Aber die Gesetze sagten nein. Die Software sagte nein. Die Konzerne sagten nein.

Heinrich Tamsen, Elektroniker seit fast vierzig Jahren, blickte zu seinem alten Lötkolben. Der funktionierte noch. Noch.

Dann schaltete er das Licht aus und ging nach Hause.