Der Nachtdienst
Eine Kurzgeschichte über Glauben, Blut und unbequeme Wahrheiten
Werner Kowalski stand vor der Tür von Familie Brenner, Ahornweg 17, und wartete. Es war 22:47 Uhr an einem Dienstagabend. In seiner linken Hand hielt er den Wachtturm, Ausgabe November. In seiner rechten eine Taschenlampe, die er nicht brauchte, aber die Leute beruhigte.
Hinter der Tür Schritte. Dann Stille. Dann das Geräusch eines Spions, der zur Seite geschoben wird.
„Wer ist da?”
„Guten Abend. Mein Name ist Werner Kowalski. Ich würde gerne mit Ihnen über eine wichtige Frage sprechen.”
Stille.
„Es ist fast elf Uhr nachts.”
„Ja, das tut mir leid. Ich arbeite tagsüber.” Das stimmte nicht, aber es war einfacher als die Wahrheit. „Hätten Sie vielleicht einen Moment Zeit, um über die Hoffnung auf ein Leben in einer besseren Welt zu sprechen?”
Die Tür blieb geschlossen. Werner wartete noch dreißig Sekunden, dann ging er weiter. Ahornweg 19. Ahornweg 21. Die Nacht war lang, und er hatte Zeit.
Er hatte jetzt sehr viel Zeit.
Vor seiner Verwandlung hatte Werner 31 Jahre, vier Monate und elf Tage im Predigtdienst verbracht. Er kannte die Statistik auswendig: 14.847 Stunden, 2.341 Rückbesuche, 89 Bibelstudien, 7 Taufen. Sieben Menschen, die durch ihn die Wahrheit gefunden hatten.
Die Wahrheit. So nannten sie es. Nicht ihren Glauben, nicht ihre Überzeugung – die Wahrheit. Als gäbe es nur diese eine.
Werner hatte nie daran gezweifelt. Nicht als seine Tochter mit 19 ausgeschlossen wurde, weil sie einen Ungläubigen geheiratet hatte. Nicht als sein Bruder starb, weil er eine Bluttransfusion abgelehnt hatte. Nicht als seine Frau ihn verließ, weil sie die Stille in ihrem Haus nicht mehr ertrug – die Stille, die entstand, wenn man mit niemandem außerhalb der Versammlung sprechen durfte.
Die Wahrheit war größer als Schmerz. Das hatte man ihm beigebracht.
Dann wurde er gebissen.
Es geschah auf dem Heimweg von einem Rückbesuch. Eine Frau, die er für interessiert gehalten hatte. Sie hatte Fragen gestellt, gute Fragen, und Werner hatte ihr eine Broschüre dagelassen: „Was lehrt die Bibel wirklich?”
Sie wartete an der Bushaltestelle auf ihn. Im Nachhinein hätte ihm auffallen müssen, dass sie keinen Atem hatte. Keine Atemwolke in der kalten Novemberluft.
„Ich habe noch eine Frage”, sagte sie.
Werner lächelte. Er lächelte immer. „Natürlich. Welche denn?”
„Was passiert mit der Seele, wenn der Körper stirbt?”
„Die Seele ist der Körper”, antwortete Werner automatisch. „Es gibt keine unsterbliche Seele, die den Tod überlebt. Der Mensch kehrt zum Staub zurück, aus dem er kam. Erst bei der Auferstehung–”
Er spürte ihre Zähne, bevor er den Satz beenden konnte.
Die ersten Tage waren die schlimmsten.
Er wachte in einem Keller auf, allein, mit einem Hunger, der sich wie Feuer anfühlte. Sein Körper funktionierte noch – Herz, Lunge, alles –, aber anders. Langsamer. Stiller.
Er rief bei der Versammlung an, am dritten Tag, als er sich wieder bewegen konnte. Bruder Hartmann, der Älteste, nahm ab.
„Werner? Wo bist du gewesen? Wir haben uns Sorgen gemacht.”
„Ich… mir ist etwas passiert.”
„Was denn?”
Werner suchte nach Worten. Es gab keine Broschüre für diese Situation. Kein Kapitel im Einsichtenbuch, das erklärte, was zu tun war, wenn man zum Untoten wurde.
„Ich glaube, ich bin gestorben”, sagte er schließlich. „Aber ich bin noch da.”
Schweigen am anderen Ende.
„Werner, hast du getrunken?”
„Nein. Ja. Nicht das, was du denkst.” Er schluckte. Sein Mund war so trocken. „Ich brauche Hilfe, Manfred.”
„Dann komm morgen vorbei. Um zehn.”
„Ich kann nicht. Nicht tagsüber.”
Wieder Schweigen.
„Werner”, sagte Bruder Hartmann langsam, „ich weiß nicht, was du genommen hast oder was mit dir los ist. Aber wenn du nicht zum Ältestenrat kommst, können wir dir nicht helfen.”
„Ich kann nicht in die Sonne.”
„Dann bete darum, dass Jehova dir die Kraft gibt.” Klick.
Werner saß in seinem Keller und starrte auf das Telefon. Jehova. Der Name, den er sein Leben lang ausgesprochen hatte. Der Name, für den er alles gegeben hatte.
Er fragte sich, ob Jehova noch zuhörte.
Nach zwei Wochen besuchte ihn eine Delegation. Zwei Älteste, abends um acht, mit besorgten Gesichtern und festen Überzeugungen.
Sie betraten sein Haus nicht. Werner hatte sie eingeladen, aber sie blieben auf der Türschwelle stehen.
„Bruder Kowalski”, begann Hartmann. „Es sind Gerüchte aufgekommen.”
„Gerüchte?”
„Du wurdest gesehen. Nachts. Bei Menschen.” Hartmann senkte die Stimme. „Bei ihrem Blut.”
Werner schloss die Augen. Er hatte versucht, vorsichtig zu sein. Offenbar nicht vorsichtig genug.
„Es stimmt”, sagte er. „Aber ich kann erklären–”
„Es gibt nichts zu erklären.” Hartmanns Stimme war kalt. „Apostelgeschichte 15, Vers 29: Enthaltet euch von Blut. Das ist keine Empfehlung, Werner. Das ist ein Gebot.”
„Ich weiß, was die Schrift sagt. Aber ich sterbe, wenn ich nicht–”
„Dann stirb.”
Die Worte hingen in der Luft. Werner starrte seinen ehemaligen Freund an.
„Bruder Kowalski.” Hartmann holte ein Dokument aus seiner Tasche. „Hiermit bist du aus der Versammlung der Zeugen Jehovas ausgeschlossen. Du bist kein Mitglied mehr. Niemand aus der Versammlung wird Kontakt zu dir haben.”
„Manfred. Ich war 31 Jahre–”
„Du hast dich entschieden, Blut zu trinken. Du hast dich gegen Jehova entschieden.” Hartmann drehte sich um. „Wir werden für dich beten.”
Die Tür fiel ins Schloss.
Werner stand allein in seinem Flur. Draußen war es dunkel, und sein Hunger meldete sich wieder.
Er fragte sich, ob man für jemanden beten konnte, der technisch gesehen schon tot war.
Das erste Jahr war das schwerste.
Nicht wegen des Hungers – den lernte er zu kontrollieren. Tierblut funktionierte, wenn auch schlecht. Wie Wasser, wenn man Durst auf Wein hat. Es hielt am Leben, aber es füllte nicht.
Nein, das Schwerste war die Stille.
31 Jahre lang hatte Werner zu einer Gemeinschaft gehört. Menschen, die ihn kannten. Die mit ihm beteten, mit ihm predigten, mit ihm aßen. Er hatte eine Rolle gehabt, einen Platz, einen Sinn.
Jetzt war er niemand.
Seine Tochter – ausgeschlossen seit zehn Jahren – hätte er kontaktieren können. Aber er schämte sich. All die Jahre hatte er sie gemieden, weil es richtig war, weil die Versammlung es verlangte, weil Jehova es wollte. Wie sollte er jetzt vor ihr stehen und sagen: Ich war falsch, ihr wart falsch, alles war falsch?
Also blieb er allein. Nachts in seiner Wohnung, mit Büchern und Gedanken und einem Hunger, der nie ganz verschwand.
Und irgendwann, nach sechs Monaten oder sieben, nahm er den Wachtturm wieder in die Hand.
Es war keine bewusste Entscheidung. Eher eine Gewohnheit, die sich nicht abschütteln ließ.
31 Jahre lang hatte er gepredigt. Es war Teil von ihm, wie das Atmen – nur dass er jetzt nicht mehr atmete, jedenfalls nicht regelmäßig. Aber der Drang blieb. Menschen anzusprechen. Zu teilen, woran er glaubte.
Das Problem war nur: Woran glaubte er noch?
Er glaubte nicht mehr an die Versammlung. Nicht nach der Art, wie sie ihn fallengelassen hatten. Er glaubte nicht mehr an die Ältesten, die ihn verurteilt hatten, ohne zuzuhören.
Aber er glaubte noch an – etwas. An die Idee, dass es mehr gab als diese Welt. An die Hoffnung, dass der Schmerz irgendwann enden würde. An die Möglichkeit von Vergebung.
Also ging er wieder raus. Nachts, mit dem Wachtturm, und klingelte.
Die Leute reagierten unterschiedlich.
Frau Bergmann, Eschenweg 4, öffnete in Nachtkleid und Lockenwicklern. „Es ist Mitternacht!”
„Entschuldigen Sie die späte Stunde. Ich wollte mit Ihnen über–”
„Sind Sie verrückt?”
Werner überlegte. „Möglicherweise.”
„Gehen Sie nach Hause!”
Die Tür knallte zu. Werner machte einen Haken auf seiner Liste und ging weiter.
Herr Özdemir, Eschenweg 6, war Taxifahrer und gerade nach Hause gekommen. Er hörte sich tatsächlich fünf Minuten an, was Werner zu sagen hatte.
„Interessant”, sagte er dann. „Aber ich bin Muslim.”
„Das ist in Ordnung. Ich bin technisch gesehen untot. Wir haben alle unsere Komplikationen.”
Özdemir lachte. „Wissen Sie was? Kommen Sie rein. Ich mache uns Tee.”
Werner blieb auf der Schwelle stehen.
„Ich… kann nicht reinkommen.”
„Warum nicht?”
„Ich muss eingeladen werden.”
Özdemir zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe Sie doch gerade eingeladen.”
„Sie müssen es ausdrücklich sagen. ‘Ich lade Sie ein’ oder ‘Kommen Sie herein’.”
„Das ist seltsam.”
„Ja.”
„Na gut: Kommen Sie herein.”
Werner betrat das Haus. Es war das erste Mal seit Monaten, dass er die Wohnung eines anderen Menschen betreten hatte.
Sie sprachen bis vier Uhr morgens. Nicht über den Wachtturm. Über alles andere.
Es waren die Einsamen, die ihn reinließen.
Die Witwen, deren Kinder sich nicht meldeten. Die Schichtarbeiter, die um drei Uhr nachts wach waren, weil ihr Rhythmus kaputt war. Die Studenten, die nicht schlafen konnten, weil sie Angst vor der Prüfung hatten, vor der Zukunft, vor allem.
Werner brachte ihnen nicht mehr die Wahrheit. Er hatte aufgehört, an die eine Wahrheit zu glauben. Aber er brachte ihnen Gesellschaft. Ein offenes Ohr. Manchmal eine Bibel, manchmal nur ein Gespräch.
Und wenn sie fragten, warum er nur nachts kam, sagte er: „Ich bin lichtempfindlich.” Das stimmte ja auch.
Ab und zu – selten, aber ab und zu – trank er. Mit Einverständnis, immer. Nie viel, nie genug, um zu schaden. Es gab Menschen, die das mochten, aus Gründen, die Werner nicht ganz verstand. Er fragte nicht nach. Er war dankbar.
Danach bot er immer eine Bibelstunde an.
Manche nahmen an. Nicht viele, aber manche.
Drei Jahre nach seiner Verwandlung klingelte er an einer Tür im Birkenweg, und seine Tochter öffnete.
Sie erkannten einander sofort. Lisa war jetzt 32, hatte zwei Kinder, einen Mann, ein Leben, das Werner verpasst hatte.
„Papa?”
Werner stand auf der Schwelle, den Wachtturm in der Hand, und wusste nicht, was er sagen sollte. Zehn Jahre hatte er sie nicht gesehen. Zehn Jahre, in denen er so getan hatte, als existiere sie nicht, weil die Versammlung es verlangte.
„Es tut mir leid” war alles, was er herausbrachte.
Lisa starrte ihn an. Dann die Zeitschrift in seiner Hand. Dann wieder ihn.
„Du predigst immer noch?”
„Ich…” Werner sah auf den Wachtturm. „Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll.”
Lisa war still für einen langen Moment. Dann trat sie zur Seite.
„Komm rein, Papa. Ich mache Kaffee.”
Werner blieb stehen.
„Du musst es aussprechen.”
„Was aussprechen?”
„Dass du mich einlädst.”
Lisa runzelte die Stirn. „Papa, was ist los mit dir?”
Werner lächelte. Es war ein trauriges Lächeln, aber ein echtes.
„Das ist eine lange Geschichte”, sagte er. „Hast du Zeit?”
Lisa musterte ihn. Den blassen Teint. Die dunklen Augen. Die Tatsache, dass er um 23 Uhr vor ihrer Tür stand, zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt.
„Ich lade dich ein”, sagte sie schließlich. „Komm rein.”
Werner betrat das Haus seiner Tochter.
Er sprach bis zum Morgengrauen. Und als die ersten Sonnenstrahlen durch die Gardinen fielen, zog Lisa die Vorhänge zu, ohne zu fragen.
„Du bleibst heute hier”, sagte sie. „Die Kinder wollen dich kennenlernen.”
„Sie wissen nicht, was ich bin.”
„Sie wissen, dass du ihr Großvater bist.” Lisa stellte ihm eine Tasse hin, die er nicht trinken würde. „Der Rest kommt später.”
Werner saß am Küchentisch seiner Tochter und spürte etwas, das er lange nicht gespürt hatte.
Vielleicht, dachte er, war das die eigentliche Wahrheit. Nicht die eine, große, unumstößliche. Sondern diese kleine: dass es nie zu spät war. Dass Vergebung möglich war. Dass Familie mehr bedeutete als Regeln.
Draußen ging die Sonne auf.
Werner blieb im Schatten und wartete auf die Nacht.
Es gab noch viele Türen, an denen er klingeln wollte.
Epilog:
Werner Kowalski predigt noch immer. Nicht mehr für die Versammlung – die hat ihn vergessen, oder tut zumindest so. Er predigt für sich selbst. Für die Menschen, die nachts wach sind und jemanden zum Reden brauchen.
Er hat aufgehört, den Wachtturm zu verteilen. Stattdessen bringt er selbstgedruckte Zettel mit: „Wenn Sie reden wollen, rufen Sie an. Nur abends.”
Die Erfolgsquote ist besser als früher.
Manchmal, wenn er vor einer Tür steht und wartet, denkt er an die 31 Jahre davor. An die Gewissheiten, die keine waren. An die Menschen, die er verloren hat, weil er dachte, er hätte die Wahrheit.
Er weiß jetzt, dass er nichts weiß. Und seltsamerweise fühlt sich das freier an als alles, was er je geglaubt hat.
Die Nacht ist lang. Werner hat Zeit.
Er klingelt an der nächsten Tür.